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31. Vorlesung
Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit
Meine Damen und Herren! Ich weiß, Sie kennen für Ihre eigenen Beziehungen, ob es sich um
Personen oder um Dinge handelt, die Bedeutung des Ausgangspunktes. So war es auch mit der
Psychoanalyse: Für die Entwicklung, die sie nahm, für die Aufnahme, die sie fand, ist es nicht
gleichgültig gewesen, daß sie ihre Arbeit am Symptom begann, am Ichfremdesten, das sich in der
Seele vorfindet. Das Symptom stammt vom Verdrängten ab, ist gleichsam der Vertreter
desselben vor dem Ich, das Verdrängte ist aber für das Ich Ausland, inneres Ausland, so wie die
Realität – gestatten Sie den ungewohnten Ausdruck – äußeres Ausland ist. Vom Symptom her
führte der Weg zum Unbewußten, zum Triebleben, zur Sexualität, und das war die Zeit, da die
Psychoanalyse die geistvollen Einwendungen zu hören bekam, der Mensch sei nicht bloß ein
Sexualwesen, er kenne auch edlere und höhere Regungen. Man hätte hinzusetzen können,
gehoben durch das Bewußtsein dieser höheren Regungen nehme er sich öfters das Recht heraus,
Unsinn zu denken und Tatsachen zu vernachlässigen.
Sie wissen es besser, es hat von allem Anfang an bei uns geheißen, der Mensch erkranke an dem
Konflikt zwischen den Ansprüchen des Trieblebens und dem Widerstand, der sich in ihm
dagegen erhebt, und wir hatten keinen Augenblick an diese widerstehende, abweisende,
verdrängende Instanz vergessen, die wir uns mit ihren besonderen Kräften, den Ichtrieben,
ausgestattet dachten, und die eben mit dem Ich der populären Psychologie zusammenfällt. Nur
daß es bei dem mühsamen Fortschreiten der wissenschaftlichen Arbeit auch der Psychoanalyse
nicht möglich war, alle Gebiete gleichzeitig zu studieren und sich über alle Probleme in einem
Atem zu äußern. Endlich war man so weit gekommen, daß man seine Aufmerksamkeit vom
Verdrängten weg auf das Verdrängende richten konnte, und stand vor diesem Ich, das so
selbstverständlich zu sein schien, mit der sicheren Erwartung, auch hier Dinge zu finden, auf die
man nicht vorbereitet sein konnte; aber es war nicht leicht, einen ersten Zugang zu finden. Das ist
es, worüber ich Ihnen heute berichten will!
Ich muß aber doch meiner Vermutung Ausdruck geben, daß diese meine Darstellung der
Ichpsychologie anders auf Sie wirken wird als die Einführung in die psychische Unterwelt, die
ihr vorausgegangen ist. Warum das der Fall sein sollte, weiß ich nicht sicher zu sagen. Ich meinte
zuerst, Sie würden herausfinden, daß ich Ihnen vorhin hauptsächlich Tatsachen berichtet hatte,
wenn auch fremdartige und sonderbare, während Sie diesmal vorwiegend Auffassungen, also
Spekulationen, zu hören bekommen. Aber es trifft nicht zu, bei besserer Erwägung muß ich
behaupten, daß der Anteil der gedanklichen Verarbeitung des tatsächlichen Materials in unserer
Ichpsychologie nicht viel größer ist als er in der Neurosenpsychologie war. Auch andere
Begründungen meiner Erwartung mußte ich verwerfen; ich meine jetzt, es liegt irgendwie am
Charakter des Stoffes selbst und an unserer Ungewohntheit, mit ihm umzugehen. Immerhin, ich
werde nicht erstaunt sein, wenn Sie sich in Ihrem Urteil noch zurückhaltender und vorsichtiger
zeigen als bisher.
Die Situation, in der wir uns zu Beginn unserer Untersuchung befinden, soll uns selbst den Weg
weisen. Wir wollen das Ich zum Gegenstand dieser Untersuchung machen, unser eigenstes Ich.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin