Seite - 302 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Aber kann man das? Das Ich ist ja doch das eigentlichste Subjekt, wie soll es zum Objekt
werden? Nun, es ist kein Zweifel, daß man dies kann. Das Ich kann sich selbst zum Objekt
nehmen, sich behandeln wie andere Objekte, sich beobachten, kritisieren, Gott weiß was noch
alles mit sich selbst anstellen. Dabei stellt sich ein Teil des Ichs dem übrigen gegenüber. Das Ich
ist also spaltbar, es spaltet sich während mancher seiner Funktionen, wenigstens vorübergehend.
Die Teilstücke können sich nachher wieder vereinigen. Das ist gerade keine Neuigkeit, vielleicht
eine ungewohnte Betonung allgemein bekannter Dinge. Anderseits sind wir mit der Auffassung
vertraut, daß die Pathologie uns durch ihre Vergrößerungen und Vergröberungen auf normale
Verhältnisse aufmerksam machen kann, die uns sonst entgangen wären. Wo sie uns einen Bruch
oder Riß zeigt, kann normalerweise eine Gliederung vorhanden sein. Wenn wir einen Kristall zu
Boden werfen, zerbricht er, aber nicht willkürlich, er zerfällt dabei nach seinen Spaltrichtungen in
Stücke, deren Abgrenzung, obwohl unsichtbar, doch durch die Struktur des Kristalls
vorherbestimmt war. Solche rissige und gesprungene Strukturen sind auch die Geisteskranken.
Etwas von der ehrfürchtigen Scheu, die alte Völker den Wahnsinnigen bezeugten, können auch
wir ihnen nicht versagen. Sie haben sich von der äußeren Realität abgewendet, aber eben darum
wissen sie mehr von der inneren, psychischen Realität und können uns manches verraten, was
uns sonst unzugänglich wäre. Von einer Gruppe dieser Kranken sagen wir, sie leiden an
Beobachtungswahn. Sie klagen uns, daß sie unausgesetzt und bis in ihr intimstes Tun von der
Beobachtung unbekannter Mächte, wahrscheinlich doch Personen, belästigt werden, und hören
halluzinatorisch, wie diese Personen die Ergebnisse ihrer Beobachtung verkünden: Jetzt will er
das sagen, jetzt kleidet er sich an um auszugehen usw. Diese Beobachtung ist noch nicht dasselbe
wie eine Verfolgung, aber sie ist nicht weit davon, sie setzt voraus, daß man ihnen mißtraut, daß
man erwartet, sie bei verbotenen Handlungen zu ertappen, für die sie gestraft werden sollen. Wie
wäre es, wenn diese Wahnsinnigen recht hätten, wenn bei uns allen eine solche beobachtende und
strafandrohende Instanz im Ich vorhanden wäre, die sich bei ihnen nur scharf vom Ich gesondert
hätte und irrtümlicherweise in die äußere Realität verschoben worden wäre?
Ich weiß nicht, ob es Ihnen ebenso ergehen wird wie mir. Seitdem ich unter dem starken
Eindruck dieses Krankheitsbildes die Idee gefaßt hatte, daß die Sonderung einer beobachtenden
Instanz vom übrigen Ich ein regelmäßiger Zug in der Struktur des Ichs sein könnte, hat sie mich
nicht mehr verlassen, und ich war getrieben, nach den weiteren Charakteren und Beziehungen
dieser so abgesonderten Instanz zu forschen. Der nächste Schritt ist bald getan. Schon der Inhalt
des Beobachtungswahns legt es nahe, daß das Beobachten nur eine Vorbereitung ist für das
Richten und Strafen, und somit erraten wir, daß eine andere Funktion dieser Instanz das sein
muß, was wir unser Gewissen nennen. Es gibt kaum etwas anderes in uns, was wir so regelmäßig
von unserem Ich sondern und so leicht ihm entgegenstellen wie gerade das Gewissen. Ich
verspüre die Neigung, etwas zu tun, wovon ich mir Lust verspreche, aber ich unterlasse es mit der
Begründung: mein Gewissen erlaubt es nicht. Oder ich habe mich von der übergroßen
Lusterwartung bewegen lassen, etwas zu tun, wogegen die Stimme des Gewissens Einspruch
erhob, und nach der Tat straft mich mein Gewissen mit peinlichen Vorwürfen, läßt mich die Reue
ob der Tat empfinden. Ich könnte einfach sagen, die besondere Instanz, die ich im Ich zu
unterscheiden beginne, ist das Gewissen, aber es ist vorsichtiger, diese Instanz selbständig zu
halten und anzunehmen, das Gewissen sei eine ihrer Funktionen und die Selbstbeobachtung, die
als Voraussetzung für die richterliche Tätigkeit des Gewissens unentbehrlich ist, sei eine andere.
Und da es zur Anerkennung einer gesonderten Existenz gehört, daß man dem Ding einen eigenen
Namen gibt, will ich diese Instanz im Ich von nun an als das »Über-Ich« bezeichnen.
Jetzt bin ich darauf gefaßt, daß Sie mich höhnisch fragen, ob unsere Ichpsychologie überhaupt
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin