Seite - 304 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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durch Androhung von Strafen, die dem Kinde den Liebesverlust beweisen und an sich gefürchtet
werden müssen. Diese Realangst ist der Vorläufer der späteren Gewissensangst; solange sie
herrscht, braucht man von Über-Ich und von Gewissen nicht zu reden. Erst in weiterer Folge
bildet sich die sekundäre Situation aus, die wir allzu bereitwillig für die normale halten, daß die
äußere Abhaltung verinnerlicht wird, daß an die Stelle der Elterninstanz das Über-Ich tritt,
welches nun das Ich genau so beobachtet, lenkt und bedroht wie früher die Eltern das Kind.
Das Über-Ich, das solcherart die Macht, die Leistung und selbst die Methoden der Elterninstanz
übernimmt, ist aber nicht nur der Rechtsnachfolger, sondern wirklich der legitime Leibeserbe
derselben. Es geht direkt aus ihr hervor, wir werden bald erfahren, durch welchen Vorgang.
Zunächst müssen wir jedoch bei einer Unstimmigkeit zwischen beiden verweilen. Das Über-Ich
scheint in einseitiger Auswahl nur die Härte und Strenge der Eltern, ihre verbietende und
strafende Funktion aufgegriffen zu haben, während deren liebevolle Fürsorge keine Aufnahme
und Fortsetzung findet. Haben die Eltern wirklich ein strenges Regiment geführt, so glauben wir
es leicht begreiflich zu finden, wenn sich auch beim Kind ein strenges Über-Ich entwickelt, aber
die Erfahrung zeigt, gegen unsere Erwartung, daß das Über-Ich denselben Charakter
unerbittlicher Härte erwerben kann, auch wenn die Erziehung milde und gütig war, Drohungen
und Strafen möglichst vermieden hat. Wir werden auf diesen Widerspruch später zurückkommen,
wenn wir die Triebumsetzungen bei der Bildung des Über-Ichs behandeln.
Von der Umwandlung der Elternbeziehung in das Über-Ich kann ich Ihnen nicht soviel sagen,
wie ich gerne möchte, zum Teil weil dieser Vorgang so verwickelt ist, daß seine Darstellung sich
nicht in den Rahmen einer Einführung fügt, wie ich sie Ihnen geben will, zum anderen Teil weil
wir selbst nicht glauben, ihn voll durchschaut zu haben. Begnügen Sie sich also mit den
folgenden Andeutungen. Die Grundlage dieses Vorganges ist eine sogenannte Identifizierung,
d. h. eine Angleichung eines Ichs an ein fremdes, in deren Folge dies erste Ich sich in bestimmten
Hinsichten so benimmt wie das andere, es nachahmt, gewissermaßen in sich aufnimmt. Man hat
die Identifizierung nicht unpassend mit der oralen, kannibalistischen Einverleibung der fremden
Person verglichen. Die Identifizierung ist eine sehr wichtige Form der Bindung an die andere
Person, wahrscheinlich die ursprünglichste, nicht dasselbe wie eine Objektwahl. Man kann den
Unterschied etwa so ausdrücken: Wenn der Knabe sich mit dem Vater identifiziert, so will er so
sein wie der Vater; wenn er ihn zum Objekt seiner Wahl macht, so will er ihn haben, besitzen; im
ersten Fall wird sein Ich nach dem Vorbild des Vaters verändert, im zweiten Falle ist dies nicht
notwendig. Identifizierung und Objektwahl sind in weitem Ausmaß unabhängig voneinander;
man kann sich aber auch mit der nämlichen Person identifizieren, sein Ich nach ihr verändern, die
man z. B. zum Sexualobjekt genommen hat. Man sagt, daß die Beeinflussung des Ichs durch das
Sexualobjekt besonders häufig bei Frauen vorkommt und für die Weiblichkeit charakteristisch
ist. Von der bei weitem lehrreichsten Beziehung zwischen Identifizierung und Objektwahl muß
ich Ihnen schon einmal in den früheren Vorlesungen gesprochen haben. Sie ist so leicht an
Kindern wie an Erwachsenen, normalen und kranken Menschen zu beobachten. Wenn man ein
Objekt verloren hat oder es aufgeben mußte, so entschädigt man sich oft genug dadurch, daß man
sich mit ihm identifiziert, es in seinem Ich wieder aufrichtet, so daß hier die Objektwahl
gleichsam zur Identifizierung regrediert.
Ich bin von diesen Ausführungen über die Identifizierung selbst durchaus nicht befriedigt, aber
genug, wenn Sie mir zugeben können, daß die Einsetzung des Über-Ichs als ein gelungener Fall
von Identifizierung mit der Elterninstanz beschrieben werden kann. Die für diese Auffassung
entscheidende Tatsache ist nun, daß diese Neuschöpfung einer überlegenen Instanz im Ich aufs
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin