Seite - 307 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ist eine Vereinigung von Einzelnen, die die nämliche Person in ihr Über-Ich eingeführt und sich
auf Grund dieser Gemeinsamkeit in ihrem Ich miteinander identifiziert haben. Sie gilt natürlich
nur für Massen, die einen Führer haben. Besäßen wir mehr Anwendungen dieser Art, so würde
die Annahme des Über-Ichs das letzte Stück Befremden für uns verlieren und wir würden von
jener Befangenheit gänzlich frei werden, die uns doch noch befällt, wenn wir uns, an die
Unterweltatmosphäre gewöhnt, in den oberflächlicheren, höheren Schichten des seelischen
Apparats bewegen. Wir glauben selbstverständlich nicht, daß wir mit der Sonderung des
Über-Ichs das letzte Wort zur Ichpsychologie gesprochen haben. Es ist eher ein erster Anfang,
aber in diesem Falle ist nicht nur der Anfang schwer.
Aber nun wartet unser eine andere Aufgabe, am sozusagen entgegengesetzten Ende des Ichs. Sie
wird von einer Beobachtung während der analytischen Arbeit gestellt, einer Beobachtung, die
eigentlich sehr alt ist. Wie es schon manchmal geht, hat es lange gebraucht, bis man sich zu ihrer
Würdigung entschloß. Wie Sie wissen, ist eigentlich die ganze psychoanalytische Theorie über
der Wahrnehmung des Widerstands aufgebaut, den uns der Patient bei dem Versuch, ihm sein
Unbewußtes bewußtzumachen, leistet. Das objektive Zeichen des Widerstands ist, daß seine
Einfälle versagen oder sich weit von dem behandelten Thema entfernen. Er kann den Widerstand
auch subjektiv daran erkennen, daß er peinliche Empfindungen verspürt, wenn er sich dem
Thema annähert. Aber dies letzte Zeichen kann auch wegbleiben. Dann sagen wir dem Patienten,
daß wir aus seinem Verhalten schließen, er befinde sich jetzt im Widerstande, und er antwortet,
er wisse nichts davon, er merke nur die Erschwerung der Einfälle. Es zeigt sich, daß wir recht
hatten, aber dann war sein Widerstand auch unbewußt, ebenso unbewußt wie das Verdrängte, an
dessen Hebung wir arbeiteten. Man hätte längst die Frage auf werfen sollen: von welchem Teil
seines Seelenlebens geht ein solcher unbewußter Widerstand aus? Der Anfänger in der
Psychoanalyse wird rasch mit der Antwort zur Hand sein: Es ist eben der Widerstand des
Unbewußten. Eine zweideutige, unbrauchbare Antwort! Wenn damit gemeint ist, er gehe vom
Verdrängten aus, so müssen wir sagen: Gewiß nicht! Dem Verdrängten müssen wir eher einen
starken Auftrieb zuschreiben, einen Drang, zum Bewußtsein durchzudringen. Der Widerstand
kann nur eine Äußerung des Ichs sein, das seinerzeit die Verdrängung durchgeführt hat und sie
jetzt aufrechthalten will. So haben wir’s auch früher immer aufgefaßt. Seitdem wir eine
besondere Instanz im Ich annehmen, die die einschränkenden und abweisenden Forderungen
vertritt, das Über-Ich, können wir sagen, die Verdrängung sei das Werk des Über-Ichs, es führe
sie entweder selbst durch oder in seinem Auftrag das ihm gehorsame Ich. Wenn nun der Fall
vorliegt, daß der Widerstand in der Analyse dem Patienten nicht bewußt wird, so heißt das
entweder, daß das Über-Ich und das Ich in ganz wichtigen Situationen unbewußt arbeiten können
oder, was noch bedeutsamer wäre, daß Anteile von beiden, Ich und Über-Ich selbst, unbewußt
sind. In beiden Fällen haben wir von der unerfreulichen Einsicht Kenntnis zu nehmen, daß
(Über-)Ich und bewußt einerseits, Verdrängtes und unbewußt anderseits keineswegs
zusammenfallen.
Meine Damen und Herren! Ich empfinde das Bedürfnis, eine Atempause zu machen, die auch Sie
als wohltuend begrüßen werden, und mich, ehe ich fortsetze, bei Ihnen zu entschuldigen. Ich will
Ihnen Nachträge zu einer Einführung in die Psychoanalyse geben, die ich vor fünfzehn Jahren
begonnen habe, und muß mich benehmen, als hätten auch Sie in dieser Zwischenzeit nichts
anderes als Psychoanalyse getrieben. Ich weiß, das ist eine ungehörige Zumutung, aber ich bin
hilflos, ich kann es nicht anders machen. Es hängt wohl daran, daß es überhaupt so schwer ist,
dem, der nicht selbst Psychoanalytiker ist, einen Einblick in die Psychoanalyse zu geben. Sie
können mir glauben, daß wir nicht gern den Anschein erwecken, als seien wir Geheimbündler
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin