Seite - 309 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 309 -
Text der Seite - 309 -
finden. Nochmals, rein deskriptiv ist auch das Vorbewußte unbewußt, aber wir bezeichnen es
nicht so, außer in lockerer Darstellung oder wenn wir die Existenz unbewußter Vorgänge
überhaupt im Seelenleben zu verteidigen haben.
Sie werden mir hoffentlich zugeben, das sei so weit nicht gar arg und erlaube eine bequeme
Handhabung. Ja, aber leider hat die psychoanalytische Arbeit sich gedrängt gefunden, das Wort
unbewußt noch in einem anderen, dritten, Sinn zu verwenden, und das mag allerdings
Verwirrung gestiftet haben. Unter dem neuen und starken Eindruck, daß ein weites und wichtiges
Gebiet des Seelenlebens der Kenntnis des Ichs normalerweise entzogen ist, so daß die Vorgänge
darin als unbewußte im richtigen dynamischen Sinn anerkannt werden müssen, haben wir den
Terminus »unbewußt« auch in einem topischen oder systematischen Sinn verstanden, von einem
System des Vorbewußten und des Unbewußten gesprochen, von einem Konflikt des Ichs mit dem
System Ubw, das Wort immer mehr eher eine seelische Provinz bedeuten lassen als eine Qualität
des Seelischen. Die eigentlich unbequeme Entdeckung, daß auch Anteile des Ichs und Über-Ichs
im dynamischen Sinne unbewußt sind, wirkt hier wie eine Erleichterung, gestattet uns, eine
Komplikation wegzuräumen. Wir sehen, wir haben kein Recht, das ichfremde Seelengebiet das
System Ubw zu nennen, da die Unbewußtheit nicht sein ausschließender Charakter ist. Gut, so
wollen wir »unbewußt« nicht mehr im systematischen Sinn gebrauchen und dem bisher so
Bezeichneten einen besseren, nicht mehr mißverständlichen Namen geben. In Anlehnung an den
Sprachgebrauch bei Nietzsche und infolge einer Anregung von G. Groddeck heißen wir es fortan
das Es. Dies unpersönliche Fürwort scheint besonders geeignet, den Hauptcharakter dieser
Seelenprovinz, ihre Ichfremdheit, auszudrücken. Über-Ich, Ich und Es sind nun die drei Reiche,
Gebiete, Provinzen, in die wir den Seelenapparat der Person zerlegen, mit deren gegenseitigen
Beziehungen wir uns im weiteren beschäftigen wollen.
Vorher nur eine kurze Einschaltung. Ich vermute, Sie sind unzufrieden damit, daß die drei
Qualitäten der Bewußtheit und die drei Provinzen des seelischen Apparats sich nicht zu drei
friedlichen Paaren zusammengefunden haben, und sehen darin etwas wie eine Trübung unserer
Resultate. Ich meine aber, wir sollten es nicht bedauern und sollten uns sagen, daß wir kein Recht
hatten, eine so glatte Anordnung zu erwarten. Lassen Sie mich eine Vergleichung bringen;
Vergleiche entscheiden nichts, das ist wahr, aber sie können machen, daß man sich heimischer
fühlt. Ich imaginiere ein Land mit mannigfaltiger Bodengestaltung, Hügelland, Ebene und
Seenketten, mit gemischter Bevölkerung – es wohnen darin Deutsche, Magyaren und Slowaken,
die auch verschiedene Tätigkeiten betreiben. Nun könnte die Verteilung so sein, daß im
Hügelland die Deutschen wohnen, die Viehzüchter sind, im Flachland die Magyaren, die
Getreide und Wein bauen, an den Seen die Slowaken, die Fische fangen und Schilf flechten.
Wenn diese Verteilung glatt und reinlich wäre, würde ein Wilson seine Freude an ihr haben; es
wäre auch bequem für den Vortrag in der Geographiestunde. Es ist aber wahrscheinlich, daß Sie
weniger Ordnung und mehr Vermengung finden, wenn Sie die Gegend bereisen. Deutsche,
Magyaren und Slowaken leben überall durcheinander, im Hügelland gibt es auch Äcker, in der
Ebene wird auch Vieh gehalten. Einiges ist natürlich so, wie Sie es erwartet haben, denn auf
Bergen kann man keine Fische fangen, im Wasser wächst kein Wein. Ja, das Bild der Gegend,
das Sie mitgebracht haben, mag im großen und ganzen zutreffend sein; im einzelnen werden Sie
sich Abweichungen gefallen lassen.
Sie erwarten nicht, daß ich Ihnen vom Es außer dem neuen Namen viel Neues mitzuteilen habe.
Es ist der dunkle, unzugängliche Teil unserer Persönlichkeit; das wenige, was wir von ihm
wissen, haben wir durch das Studium der Traumarbeit und der neurotischen Symptombildung
309
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin