Seite - 314 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Sie sehen hier, das Über-Ich taucht in das Es ein; als Erbe des Ödipuskomplexes hat es ja intime
Zusammenhänge mit ihm; es liegt weiter ab vom Wahrnehmungssystem als das Ich. Das Es
verkehrt mit der Außenwelt nur über das Ich, wenigstens in diesem Schema. Es ist gewiß heute
schwer zu sagen, inwieweit die Zeichnung richtig ist; in einem Punkt ist sie es gewiß nicht. Der
Raum, den das unbewußte Es einnimmt, müßte unvergleichlich größer sein als der des Ichs oder
des Vorbewußten. Ich bitte, verbessern Sie das in Ihren Gedanken.
Und nun zum Abschluß dieser gewiß anstrengenden und vielleicht nicht einleuchtenden
Ausführungen noch eine Mahnung! Sie denken bei dieser Sonderung der Persönlichkeit in Ich,
Über-Ich und Es gewiß nicht an scharfe Grenzen, wie sie künstlich in der politischen Geographie
gezogen worden sind. Der Eigenart des Psychischen können wir nicht durch lineare Konturen
gerecht werden wie in der Zeichnung oder in der primitiven Malerei, eher durch
verschwimmende Farbenfelder wie bei den modernen Malern. Nachdem wir gesondert haben,
müssen wir das Gesonderte wieder zusammenfließen lassen. Urteilen Sie nicht zu hart über einen
ersten Versuch, das so schwer erfaßbare Psychische anschaulich zu machen. Es ist sehr
wahrscheinlich, daß die Ausbildung dieser Sonderungen bei verschiedenen Personen großen
Variationen unterliegt, möglich, daß sie bei der Funktion selbst verändert und zeitweilig
rückgebildet werden. Besonders für die phylogenetisch letzte und heikelste, die Differenzierung
von Ich und Überich, scheint dergleichen zuzutreffen. Es ist unzweifelhaft, daß das gleiche durch
psychische Erkrankung hervorgerufen wird. Man kann sich auch gut vorstellen, daß es gewissen
mystischen Praktiken gelingen mag, die normalen Beziehungen zwischen den einzelnen
seelischen Bezirken umzuwerfen, so daß z. B. die Wahrnehmung Verhältnisse im tiefen Ich und
im Es erfassen kann, die ihr sonst unzugänglich waren. Ob man auf diesem Weg der letzten
Weisheiten habhaft werden wird, von denen man alles Heil erwartet, darf man getrost bezweifeln.
Immerhin wollen wir zugeben, daß die therapeutischen Bemühungen der Psychoanalyse sich
einen ähnlichen Angriffspunkt gewählt haben. Ihre Absicht ist ja, das Ich zu stärken, es vom
Über-Ich unabhängiger zu machen, sein Wahrnehmungsfeld zu erweitern und seine Organisation
auszubauen, so daß es sich neue Stücke des Es aneignen kann. Wo Es war, soll Ich werden.
Es ist Kulturarbeit etwa wie die Trockenlegung der Zuydersee.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin