Seite - 317 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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wovor man sich bei neurotischer Angst fürchtet, und so die Verbindung zwischen neurotischer
und Realangst herzustellen. Das, wovor man sich fürchtet, ist offenbar die eigene Libido. Der
Unterschied von der Situation der Realangst liegt in zwei Punkten, daß die Gefahr eine innerliche
ist anstatt einer äußeren und daß sie nicht bewußt erkannt wird.
Bei den Phobien kann man sehr deutlich erkennen, wie diese innerliche Gefahr in eine äußerliche
umgesetzt, also neurotische Angst in scheinbare Realangst verwandelt wird. Nehmen wir, um
einen oft sehr komplizierten Sachverhalt zu vereinfachen, an, daß der Agoraphobe sich
regelmäßig vor den Regungen der Versuchung fürchte, die in ihm durch die Begegnungen auf der
Straße geweckt werden. In seiner Phobie nimmt er eine Verschiebung vor und ängstigt sich nun
vor einer äußeren Situation. Sein Gewinn dabei ist offenbar, daß er meint, sich so besser schützen
zu können. Vor einer äußeren Gefahr kann man sich durch die Flucht retten, der Fluchtversuch
vor einer inneren Gefahr ist ein schwieriges Unternehmen.
Am Schlusse meiner damaligen Vorlesung über die Angst habe ich selbst dem Urteil Ausdruck
gegeben, daß diese verschiedenen Ergebnisse unserer Untersuchung nicht etwa einander
widersprechen, aber doch irgendwie nicht zusammenstimmen. Die Angst ist als Affektzustand
die Reproduktion eines alten gefahrdrohenden Ereignisses, die Angst steht im Dienst der
Selbsterhaltung und ist ein Signal einer neuen Gefahr, sie entsteht aus irgendwie unverwendbar
gewordener Libido, auch bei dem Prozeß der Verdrängung, sie wird durch die Symptombildung
abgelöst, gleichsam psychisch gebunden – man verspürt, daß hier etwas fehlt, was aus Stücken
eine Einheit macht.
Meine Damen und Herren! Jene Zerlegung der seelischen Persönlichkeit in ein Über-Ich, Ich und
Es, die ich Ihnen in der letzten Vorlesung vorgetragen, hat uns auch eine neue Orientierung im
Angstproblem aufgenötigt. Mit dem Satz, das Ich ist die alleinige Angststätte, nur das Ich kann
Angst produzieren und verspüren, haben wir eine neue, feste Position bezogen, von der aus
manche Verhältnisse ein anderes Ansehen zeigen. Und wirklich, wir wüßten nicht, was für Sinn
es hätte, von einer »Angst des Es« zu sprechen, oder dem Über-Ich die Fähigkeit zur
Ängstlichkeit zuzuschreiben. Hingegen haben wir es als eine erwünschte Entsprechung begrüßt,
daß die drei Hauptarten der Angst, die Realangst, die neurotische und die Gewissensangst sich so
zwanglos auf die drei Abhängigkeiten des Ichs, von der Außenwelt, vom Es und vom Über-Ich,
beziehen lassen. Mit dieser neuen Auffassung ist auch die Funktion der Angst als Signal zur
Anzeige einer Gefahrsituation, die uns ja vorher nicht fremd war, in den Vordergrund getreten,
die Frage, aus welchem Stoff die Angst gemacht wird, hat an Interesse verloren, und die
Beziehungen zwischen Realangst und neurotischer Angst haben sich in überraschender Weise
geklärt und vereinfacht. Es ist übrigens bemerkenswert, daß wir jetzt die anscheinend
komplizierten Fälle von Entstehung der Angst besser verstehen als die für einfach gehaltenen.
Wir haben nämlich neuerlich untersucht, wie die Angst bei gewissen Phobien entsteht, die wir
der Angsthysterie zurechnen, und Fälle gewählt, bei denen es sich um die typische Verdrängung
der Wunschregungen aus dem Ödipuskomplex handelte. Unserer Erwartung nach hätten wir
finden sollen, daß es die libidinöse Besetzung des Mutterobjekts ist, die sich infolge der
Verdrängung in Angst verwandelt und nun im symptomatischen Ausdruck als an den Vaterersatz
geknüpft auftritt. Ich kann Ihnen die einzelnen Schritte einer solchen Untersuchung nicht
vorführen, genug, das überraschende Resultat war das Gegenteil unserer Erwartung. Nicht die
Verdrängung schafft die Angst, sondern die Angst ist früher da, die Angst macht die
Verdrängung! Aber was für Angst kann es sein? Nur die Angst vor einer drohenden äußeren
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin