Seite - 319 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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diesem Moment für die Theorie der Neurosen und sogar für die analytische Therapie gezogen
hat. Den Kern seiner Lehre, daß das Angsterlebnis der Geburt das Vorbild aller späteren
Gefahrsituationen ist, hatte er bereits vorgefunden. Wenn wir bei diesen verweilen, werden wir
sagen können, daß eigentlich jedem Entwicklungsalter eine bestimmte Angstbedingung, also
Gefahrsituation, als ihm adäquat zugeteilt ist. Die Gefahr der psychischen Hilflosigkeit paßt zum
Stadium der frühen Unreife des Ichs, die Gefahr des Objekt- (Liebes-)verlusts zur
Unselbständigkeit der ersten Kinderjahre, die Kastrationsgefahr zur phallischen Phase, endlich
die Angst vor dem Über-Ich, die eine besondere Stellung einnimmt, zur Latenzzeit. Mit dem Lauf
der Entwicklung sollen die alten Angstbedingungen fallengelassen werden, da die ihnen
entsprechenden Gefahrsituationen durch die Erstarkung des Ichs entwertet werden. Aber das ist
nur in sehr unvollkommener Weise der Fall. Viele Menschen können die Angst vor dem
Liebesverlust nicht überwinden, sie werden nie unabhängig genug von der Liebe anderer und
setzen in diesem Punkt ihr infantiles Verhalten fort. Die Angst vor dem Über-Ich soll
normalerweise kein Ende finden, da sie als Gewissensangst in den sozialen Beziehungen
unentbehrlich ist und der Einzelne nur in den seltensten Fällen von der menschlichen
Gemeinschaft unabhängig werden kann. Einige der alten Gefahrsituationen verstehen es auch,
sich in späte Zeit hinüberzuretten, indem sie ihre Angstbedingungen zeitgemäß modifizieren. So
erhält sich z. B. die Kastrationsgefahr unter der Maske der Syphilophobie. Man weiß zwar als
Erwachsener, daß die Kastration nicht mehr als Strafe für das Gewährenlassen sexueller Gelüste
üblich ist, aber man hat dafür erfahren, daß solche Triebfreiheit mit schweren Erkrankungen
bedroht ist. Es ist kein Zweifel, daß die Personen, die wir Neurotiker heißen, in ihrem Verhalten
zur Gefahr infantil bleiben und verjährte Angstbedingungen nicht überwunden haben. Nehmen
wir dies als tatsächlichen Beitrag zur Charakteristik der Neurotiker an; warum es so ist, kann man
nicht so schnell sagen.
Ich hoffe, Sie haben nicht die Übersicht verloren und wissen noch, daß wir dabei sind, die
Beziehungen zwischen Angst und Verdrängung zu untersuchen. Wir haben dabei zwei Dinge neu
erfahren, erstens, daß die Angst die Verdrängung macht, nicht, wie wir meinten, umgekehrt, und
daß eine gefürchtete Triebsituation im Grunde auf eine äußere Gefahrsituation zurückgeht. Die
nächste Frage wird lauten: Wie stellen wir uns jetzt den Vorgang einer Verdrängung unter dem
Einfluß der Angst vor? Ich denke so: Das Ich merkt, daß die Befriedigung eines auftauchenden
Triebanspruchs eine der wohl erinnerten Gefahrsituationen heraufbeschwören würde. Diese
Triebbesetzung muß also irgendwie unterdrückt, aufgehoben, ohnmächtig gemacht werden. Wir
wissen, diese Aufgabe gelingt dem Ich, wenn es stark ist und die betreffende Triebregung in seine
Organisation einbezogen hat. Der Fall der Verdrängung ist aber der, daß die Triebregung noch
dem Es angehört und das Ich sich schwach fühlt. Dann hilft sich das Ich durch eine Technik, die
im Grunde mit der des normalen Denkens identisch ist. Das Denken ist ein probeweises Handeln
mit kleinen Energiemengen, ähnlich wie die Verschiebungen kleiner Figuren auf der Landkarte,
ehe der Feldherr seine Truppenmassen in Bewegung setzt. Das Ich antizipiert also die
Befriedigung der bedenklichen Triebregung und erlaubt ihr, die Unlustempfindungen zu Beginn
der gefürchteten Gefahrsituation zu reproduzieren. Damit ist der Automatismus des
Lust-Unlust-Prinzips ins Spiel gebracht, der nun die Verdrängung der gefährlichen Triebregung
durchführt.
Halt! werden Sie mir zurufen; da können wir nicht weiter mitgehen! Sie haben recht, ich muß
noch einiges dazu tun, bevor es Ihnen annehmbar erscheinen kann. Zunächst das Zugeständnis,
daß ich versucht habe, in die Sprache unseres normalen Denkens zu übersetzen, was in
Wirklichkeit ein gewiß nicht bewußter oder vorbewußter Vorgang zwischen Energiebeträgen an
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin