Seite - 324 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Namen: sexuelle Lust nicht mehr verweigern. Nicht alle dieser nach Lust strebenden Regungen
werden in die schließliche Organisation der Sexualfunktion aufgenommen. Manche von ihnen
werden als unbrauchbar beseitigt, durch Verdrängung oder anderswie, einige werden in der
vorhin erwähnten merkwürdigen Weise von ihrem Ziel abgelenkt und zur Verstärkung anderer
Regungen verwendet, noch andere bleiben in Nebenrollen erhalten, dienen zur Durchführung
einleitender Akte, zur Erzeugung von Vorlust. Sie haben gehört, daß sich in dieser lang
hingezogenen Entwicklung mehrere Phasen einer vorläufigen Organisation erkennen lassen, auch
wie sich aus dieser Geschichte der Sexualfunktion ihre Abirrungen und Verkümmerungen
erklären. Die erste dieser prägenitalen Phasen heißen wir die orale, weil entsprechend der Art,
wie der Säugling ernährt wird, die erogene Mundzone auch beherrscht, was man die sexuelle
Tätigkeit dieser Lebensperiode heißen darf. Auf einer zweiten Stufe drängen sich die sadistischen
und die analen Impulse vor, gewiß im Zusammenhang mit dem Auftreten der Zähne, der
Erstarkung der Muskulatur und der Beherrschung der Sphinkterfunktionen. Wir haben gerade
über diese auffällige Entwicklungsstufe viel interessante Einzelheiten erfahren. Als dritte
erscheint die phallische Phase, in der bei beiden Geschlechtern das männliche Glied und, was
ihm beim Mädchen entspricht, eine nicht mehr zu übersehende Bedeutung gewinnt. Den Namen
der genitalen Phase haben wir der endgültigen Sexualorganisation vorbehalten, die sich nach der
Pubertät herstellt, in der erst das weibliche Genitale die Anerkennung findet, die das männliche
längst erworben hatte.
Soweit ist das alles abgeblaßte Wiederholung. Und glauben Sie nicht, daß all das, was ich
diesmal nicht erwähnt habe, auch nicht mehr gilt. Es bedurfte dieser Wiederholung, um den
Bericht über Fortschritte in unseren Einsichten daran anzuknüpfen. Wir können uns rühmen, daß
wir gerade über die frühen Organisationen der Libido viel Neues erfahren und die Bedeutung des
Alten klarer erfaßt haben, was ich Ihnen wenigstens an einzelnen Proben zeigen will. Abraham
hat 1924 dargetan, daß man an der sadistisch-analen Phase zwei Stufen unterscheiden kann. Auf
der früheren dieser beiden walten die destruktiven Tendenzen des Vernichtens und Verlierens
vor, auf der späteren die objektfreundlichen des Festhaltens und Besitzens. In der Mitte dieser
Phase tritt also zuerst die Rücksicht auf das Objekt auf als Vorläufer einer späteren
Liebesbesetzung. Ebenso berechtigt ist es, eine solche Unterteilung auch für die erste orale Phase
anzunehmen. Auf der ersten Unterstufe handelt es sich nur um die orale Einverleibung, es fehlt
auch jede Ambivalenz in der Beziehung zum Objekt der Mutterbrust. Die zweite Stufe, durch das
Auftreten der Beißtätigkeit ausgezeichnet, kann als die oralsadistische bezeichnet werden; sie
zeigt zum erstenmal die Erscheinungen der Ambivalenz, die dann in der nächsten, der
sadistisch-analen Phase so viel deutlicher werden. Der Wert dieser neuen Unterscheidungen zeigt
sich besonders, wenn man bei bestimmten Neurosen – Zwangsneurose, Melancholie – nach den
Dispositionsstellen in der Libidoentwicklung sucht. Rufen Sie sich hier ins Gedächtnis zurück,
was wir über den Zusammenhang von Libidofixierung, Disposition und Regression erfahren
haben.
Unsere Einstellung zu den Phasen der Libidoorganisation hat sich überhaupt ein wenig
verschoben. Wenn wir früher vor allem betonten, wie die eine derselben vor der nächsten
vergeht, so gehört unsere Aufmerksamkeit jetzt den Tatsachen, die uns zeigen, wieviel von jeder
früheren Phase neben und hinter den späteren Gestaltungen erhalten bleibt und sich eine dauernde
Vertretung im Libidohaushalt und im Charakter der Person erwirbt. Noch bedeutsamer sind
Studien geworden, die uns gelehrt haben, wie häufig sich unter pathologischen Bedingungen
Regressionen zu früheren Phasen ereignen und daß bestimmte Regressionen für bestimmte
Krankheitsformen charakteristisch sind. Aber das kann ich hier nicht behandeln; es gehört in eine
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin