Seite - 327 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Leider spricht was uns die Geschichte berichtet und was wir selbst erlebt haben nicht in diesem
Sinne, sondern rechtfertigt eher das Urteil, daß der Glaube an die »Güte« der menschlichen Natur
eine jener schlimmsten Illusionen ist, von denen die Menschen eine Verschönerung und
Erleichterung ihres Lebens erwarten, während sie in Wirklichkeit nur Schaden bringen. Wir
brauchen diese Polemik nicht fortzusetzen, denn nicht wegen der Lehren von Geschichte und
Lebenserfahrung haben wir die Annahme eines besonderen Aggressions- und Destruktionstriebs
beim Menschen befürwortet, sondern es geschah auf Grund allgemeiner Erwägungen, zu denen
uns die Würdigung der Phänomene des Sadismus und des Masochismus führte. Sie wissen, wir
heißen es Sadismus, wenn die sexuelle Befriedigung an die Bedingung geknüpft ist, daß das
Sexualobjekt Schmerzen, Mißhandlungen und Demütigungen erleide, Masochismus, wenn das
Bedürfnis besteht, selbst dieses mißhandelte Objekt zu sein. Sie wissen auch, daß ein gewisser
Zusatz dieser beiden Strebungen in die normale Sexualbeziehung aufgenommen ist und daß wir
sie als Perversionen bezeichnen, wenn sie die anderen Sexualziele zurückdrängen und ihre
eigenen Ziele an deren Stelle setzen. Es wird Ihnen auch kaum entgangen sein, daß der Sadismus
zur Männlichkeit, der Masochismus zur Weiblichkeit eine intimere Beziehung unterhält, als ob
hier eine geheime Verwandtschaft bestünde, obwohl ich Ihnen sogleich sagen muß, daß wir nicht
auf diesem Weg weitergekommen sind. Beide, Sadismus wie Masochismus, sind für die
Libidotheorie recht rätselhafte Phänomene, der Masochismus ganz besonders, und es ist nur in
der Ordnung, wenn das, was für die eine Theorie den Stein des Anstoßes gebildet hat, für die sie
ersetzende den Eckstein abgeben sollte.
Wir meinen also, daß wir im Sadismus und im Masochismus zwei ausgezeichnete Beispiele von
der Vermischung beider Triebarten, des Eros mit der Aggression, vor uns haben, und machen nun
die Annahme, daß dies Verhältnis vorbildlich ist, daß alle Triebregungen, die wir studieren
können, aus solchen Mischungen oder Legierungen der beiden Triebarten bestehen. Natürlich in
den verschiedenartigsten Mischungsverhältnissen. Dabei würden die erotischen Triebe die
Mannigfaltigkeit ihrer Sexualziele in die Mischung einführen, während die anderen nur
Milderungen und Abstufungen ihrer eintönigen Tendenz zuließen. Durch diese Annahme haben
wir uns die Aussicht auf Untersuchungen eröffnet, die einmal eine große Bedeutung für das
Verständnis pathologischer Vorgänge bekommen können. Denn Mischungen mögen auch
zerfallen und solchen Triebentmischungen darf man die schwersten Folgen für die Funktion
zutrauen. Aber diese Gesichtspunkte sind noch zu neu; niemand hat bisher versucht, sie in der
Arbeit zu verwerten.
Wir kehren zu dem besonderen Problem zurück, das uns der Masochismus aufgibt. Sehen wir für
den Augenblick von seiner erotischen Komponente ab, so bürgt er uns für die Existenz einer
Strebung, welche die Selbstzerstörung zum Ziel hat. Wenn es auch für den Destruktionstrieb
zutrifft, daß das Ich – aber wir meinen hier vielmehr das Es, die ganze Person – ursprünglich alle
Triebregungen in sich schließt, so ergibt sich die Auffassung, daß der Masochismus älter ist als
der Sadismus, der Sadismus aber ist nach außen gewendeter Destruktionstrieb, der damit den
Charakter der Aggression erwirbt. Soundsoviel vom ursprünglichen Destruktionstrieb mag noch
im Inneren verbleiben; es scheint, daß unsere Wahrnehmung seiner nur unter diesen zwei
Bedingungen habhaft wird, wenn er sich mit erotischen Trieben zum Masochismus verbindet
oder wenn er sich als Aggression – mit größerem oder geringerem erotischen Zusatz – gegen die
Außenwelt wendet. Nun drängt sich uns die Bedeutung der Möglichkeit auf, daß die Aggression
in der Außenwelt Befriedigung nicht finden kann, weil sie auf reale Hindernisse stößt. Sie wird
dann vielleicht zurücktreten, das Ausmaß der im Inneren waltenden Selbstdestruktion vermehren.
Wir werden hören, daß dies wirklich so geschieht und wie wichtig dieser Vorgang ist.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin