Seite - 333 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Auch Sie werden sich von diesem Grübeln nicht ausgeschlossen haben, insoferne Sie Männer
sind; von den Frauen unter Ihnen erwartet man es nicht, sie sind selbst dieses Rätsel. Männlich
oder weiblich ist die erste Unterscheidung, die Sie machen, wenn Sie mit einem anderen
menschlichen Wesen zusammentreffen, und Sie sind gewöhnt, diese Unterscheidung mit
unbedenklicher Sicherheit zu machen. Die anatomische Wissenschaft teilt Ihre Sicherheit in
einem Punkt und nicht weit darüber hinaus. Männlich ist das männliche Geschlechtsprodukt, das
Spermatozoon und sein Träger, weiblich das Ei und der Organismus, der es beherbergt. Bei
beiden Geschlechtern haben sich Organe gebildet, die ausschließlich den Geschlechtsfunktionen
dienen, wahrscheinlich aus der nämlichen Anlage zu zwei verschiedenen Gestaltungen
entwickelt. Bei beiden zeigen außerdem die anderen Organe, die Körperformen und Gewebe eine
Beeinflussung durch das Geschlecht, aber diese ist inkonstant und ihr Ausmaß wechselnd, die
sogenannten sekundären Geschlechtscharaktere. Und dann sagt Ihnen die Wissenschaft etwas,
was Ihren Erwartungen zuwiderläuft und wahrscheinlich geeignet ist, Ihre Gefühle zu verwirren.
Sie macht Sie darauf aufmerksam, daß Teile des männlichen Geschlechtsapparats sich auch am
Körper des Weibes finden, wenngleich in verkümmertem Zustand, und das gleiche im anderen
Falle. Sie sieht in diesem Vorkommen das Anzeichen einer Zwiegeschlechtigkeit, Bisexualität,
als ob das Individuum nicht Mann oder Weib wäre, sondern jedesmal beides, nur von dem einen
so viel mehr als vom andern. Sie werden dann aufgefordert, sich mit der Idee vertraut zu machen,
daß das Verhältnis, nach dem sich Männliches und Weibliches im Einzelwesen vermengt, ganz
erheblichen Schwankungen unterliegt. Da aber doch, von allerseltensten Fällen abgesehen, bei
einer Person nur einerlei Geschlechtsprodukte – Eier oder Samenzellen – vorhanden sind, müssen
Sie an der entscheidenden Bedeutung dieser Elemente irrewerden und den Schluß ziehen, das,
was die Männlichkeit oder die Weiblichkeit ausmache, sei ein unbekannter Charakter, den die
Anatomie nicht erfassen kann.
Kann es vielleicht die Psychologie? Wir sind gewohnt, männlich und weiblich auch als seelische
Qualitäten zu gebrauchen, und haben ebenso den Gesichtspunkt der Bisexualität auf das
Seelenleben übertragen. Wir sprechen also davon, daß ein Mensch, ob Männchen oder Weibchen,
sich in diesem Punkt männlich, in jenem weiblich benehme. Aber Sie werden bald einsehen, das
ist bloß Gefügigkeit gegen die Anatomie und gegen die Konvention. Sie können den Begriffen
männlich und weiblich keinen neuen Inhalt geben. Die Unterscheidung ist keine psychologische;
wenn Sie männlich sagen, meinen Sie in der Regel »aktiv«, und wenn Sie weiblich sagen,
»passiv«. Nun ist es richtig, daß eine solche Beziehung besteht. Die männliche Geschlechtszelle
ist aktiv beweglich, sucht die weibliche auf, und diese, das Ei, ist unbeweglich, passiv erwartend.
Dies Verhalten der geschlechtlichen Elementarorganismen ist sogar vorbildlich für das
Benehmen der Geschlechtsindividuen beim Sexualverkehr. Das Männchen verfolgt das
Weibchen zum Zweck der sexuellen Vereinigung, greift es an, dringt in dasselbe ein. Aber damit
haben Sie eben für die Psychologie den Charakter des Männlichen auf das Moment der
Aggression reduziert. Sie werden zweifeln, ob Sie damit etwas Wesentliches getroffen haben,
wenn Sie erwägen, daß in manchen Tierklassen die Weibchen die stärkeren und aggressiven sind,
die Männchen nur aktiv bei dem einen Akt der geschlechtlichen Vereinigung. So ist es z. B. bei
den Spinnen. Auch die Funktionen der Brutpflege und Aufzucht, die uns als so exquisit weiblich
erscheinen, sind bei Tieren nicht regelmäßig an das weibliche Geschlecht geknüpft. Bei recht
hochstehenden Arten beobachtet man, daß die Geschlechter sich in die Aufgabe der Brutpflege
teilen oder selbst, daß das Männchen sich allein ihr widmet. Selbst auf dem Gebiet des
menschlichen Sexuallebens merken Sie bald, wie unzureichend es ist, das männliche Benehmen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin