Seite - 335 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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wird. Die andere, daß die entscheidenden Wendungen bereits vor der Pubertät angebahnt oder
vollzogen sein werden. Beide sind bald bestätigt. Des weiteren sagt uns der Vergleich mit den
Verhältnissen beim Knaben, daß die Entwicklung des kleinen Mädchens zum normalen Weib die
schwierigere und kompliziertere ist, denn sie umfaßt zwei Aufgaben mehr, zu denen die
Entwicklung des Mannes kein Gegenstück zeigt. Verfolgen wir die Parallele von ihrem Anfang
an. Gewiß ist schon das Material bei Knabe und Mädchen verschieden; um das festzustellen,
braucht es keine Psychoanalyse. Der Unterschied in der Bildung der Genitalien wird von anderen
körperlichen Verschiedenheiten begleitet, die zu bekannt sind, als daß sie der Erwähnung
bedürften. Auch in der Triebanlage treten Differenzen hervor, die das spätere Wesen des Weibes
ahnen lassen. Das kleine Mädchen ist in der Regel weniger aggressiv, trotzig und
selbstgenügsam, es scheint mehr Bedürfnis nach Zärtlichkeit zu haben, die man ihm erweisen
soll, darum abhängiger und gefügiger zu sein. Daß es sich leichter und schneller zur
Beherrschung der Exkretionen erziehen läßt, ist sehr wahrscheinlich nur die Folge dieser
Gefügigkeit; Harn und Stuhl sind ja die ersten Geschenke, die das Kind seinen Pflegepersonen
macht, deren Beherrschung die erste Konzession, die sich das kindliche Triebleben abringen läßt.
Man empfängt auch den Eindruck, daß das kleine Mädchen intelligenter, lebhafter ist als der
gleichaltrige Knabe, es kommt der Außenwelt mehr entgegen, macht zur gleichen Zeit stärkere
Objektbesetzungen. Ich weiß nicht, ob dieser Vorsprung der Entwicklung durch exakte
Feststellungen erhärtet worden ist, jedenfalls steht es fest, daß das Mädchen nicht intellektuell
rückständig genannt werden kann. Aber diese Geschlechtsunterschiede kommen nicht sehr in
Betracht, sie können durch individuelle Variationen aufgewogen werden. Für die Absichten, die
wir zunächst verfolgen, können wir sie vernachlässigen.
Die frühen Phasen der Libidoentwicklung scheinen beide Geschlechter in gleicher Weise
durchzumachen. Man hätte erwarten können, daß sich beim Mädchen bereits in der
sadistisch-analen Phase ein Zurückbleiben der Aggression äußert, aber das trifft nicht ein. Die
Analyse des Kinderspiels hat unseren weiblichen Analytikern gezeigt, daß die aggressiven
Impulse der kleinen Mädchen an Reichlichkeit und Heftigkeit nichts zu wünschen übriglassen.
Mit dem Eintritt in die phallische Phase treten die Unterschiede der Geschlechter vollends gegen
die Übereinstimmungen zurück. Wir müssen nun anerkennen, das kleine Mädchen sei ein kleiner
Mann. Diese Phase ist beim Knaben bekanntlich dadurch ausgezeichnet, daß er sich von seinem
kleinen Penis lustvolle Sensationen zu verschaffen weiß und dessen erregten Zustand mit seinen
Vorstellungen von sexuellem Verkehr zusammenbringt. Das nämliche tut das Mädchen mit ihrer
noch kleineren Klitoris. Es scheint, daß sich bei ihr alle onanistischen Akte an diesem
Penisäquivalent abspielen, daß die eigentliche weibliche Vagina noch für beide Geschlechter
unentdeckt ist. Vereinzelte Stimmen berichten zwar auch von frühzeitigen vaginalen Sensationen,
aber es dürfte nicht leicht sein, solche von analen oder Vorhofsensationen zu unterscheiden; auf
keinen Fall können sie eine große Rolle spielen. Wir dürfen daran festhalten, daß in der
phallischen Phase des Mädchens die Klitoris die leitende erogene Zone ist. Aber so soll es ja
nicht bleiben, mit der Wendung zur Weiblichkeit soll die Klitoris ihre Empfindlichkeit und damit
ihre Bedeutung ganz oder teilweise an die Vagina abtreten, und dies wäre die eine der beiden
Aufgaben, die von der Entwicklung des Weibes zu lösen sind, während der glücklichere Mann
zur Zeit der Geschlechtsreife nur fortzusetzen braucht, was er in der Periode der sexuellen
Frühblüte vorgeübt hatte.
Wir werden auf die Rolle der Klitoris noch zurückkommen, wenden uns jetzt zur zweiten
Aufgabe, mit der die Entwicklung des Mädchens belastet ist. Das erste Liebesobjekt des Knaben
ist die Mutter, sie bleibt es auch in der Formation des Ödipuskomplexes, im Grunde genommen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin