Seite - 336 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 336 -
Text der Seite - 336 -
durchs ganze Leben hindurch. Auch fürs Mädchen muß die Mutter – und die mit ihr
verschmelzenden Gestalten der Amme, Pflegerin – das erste Objekt sein; die ersten
Objektbesetzungen erfolgen ja in der Anlehnung an die Befriedigung der großen und einfachen
Lebensbedürfnisse, und die Verhältnisse der Kinderpflege sind für beide Geschlechter die
gleichen. In der Ödipussituation ist aber für das Mädchen der Vater das Liebesobjekt geworden,
und wir erwarten, daß sie bei normalem Ablauf der Entwicklung vom Vaterobjekt aus den Weg
zur endgültigen Objektwahl finden wird. Das Mädchen soll also im Wandel der Zeiten erogene
Zone und Objekt tauschen, die beide der Knabe beibehält. Es entsteht dann die Frage, wie geht
das vor sich, im besonderen: wie kommt das Mädchen von der Mutter zur Bindung an den Vater,
oder mit anderen Worten: aus ihrer männlichen in die ihr biologisch bestimmte weibliche Phase?
Nun wäre es eine Lösung von idealer Einfachheit, wenn wir annehmen dürften, von einem
bestimmten Alter an mache sich der elementare Einfluß der gegengeschlechtlichen Anziehung
geltend und dränge das kleine Weib zum Mann, während dasselbe Gesetz dem Knaben das
Beharren bei der Mutter gestatte. Ja man könnte hinzunehmen, daß die Kinder dabei den Winken
folgen, die ihnen die geschlechtliche Bevorzugung der Eltern gibt. Aber so gut sollen wir es nicht
haben, wir wissen kaum, ob wir an jene geheimnisvolle, analytisch nicht weiter zersetzbare
Macht, von der die Dichter soviel schwärmen, im Ernst glauben dürfen. Wir haben eine Auskunft
ganz anderer Art aus mühevollen Untersuchungen gewonnen, für welche wenigstens das Material
leicht zu beschaffen war. Sie müssen nämlich wissen, daß die Zahl der Frauen, die bis in späte
Zeiten in der zärtlichen Abhängigkeit vom Vaterobjekt, ja noch vom realen Vater verbleiben,
eine sehr große ist. An solchen Frauen mit intensiver und lang andauernder Vaterbindung haben
wir überraschende Feststellungen gemacht. Wir wußten natürlich, daß es ein Vorstadium von
Mutterbindung gegeben hatte, aber wir wußten nicht, daß es so inhaltsreich sein, so lang
anhalten, so viel Anlässe zu Fixierungen und Dispositionen hinterlassen könne. Während dieser
Zeit ist der Vater nur ein lästiger Rivale; in manchen Fällen überdauert die Mutterbindung das
vierte Jahr. Fast alles, was wir später in der Vaterbeziehung finden, war schon in ihr vorhanden
und ist nachher auf den Vater übertragen worden. Kurz, wir gewinnen die Überzeugung, daß man
das Weib nicht verstehen kann, wenn man nicht diese Phase der präödipalen Mutterbindung
würdigt.
Nun wollen wir gerne wissen, welches die libidinösen Beziehungen des Mädchens zur Mutter
sind. Die Antwort lautet: sie sind sehr mannigfaltig. Da sie durch alle drei Phasen der kindlichen
Sexualität gehen, nehmen sie auch die Charaktere der einzelnen Phasen an, drücken sich durch
orale, sadistisch-anale und phallische Wünsche aus. Diese Wünsche vertreten sowohl aktive als
passive Regungen; wenn man sie auf die später auftretende Differenzierung der Geschlechter
bezieht, was man aber möglichst vermeiden soll, kann man sie männliche und weibliche heißen.
Sie sind überdies voll ambivalent, ebensowohl zärtlicher als feindselig-aggressiver Natur. Die
letzteren kommen oft erst zum Vorschein, nachdem sie in Angstvorstellungen verwandelt worden
sind. Es ist nicht immer leicht, die Formulierung dieser frühen Sexualwünsche aufzuzeigen; am
deutlichsten drückt sich der Wunsch aus, der Mutter ein Kind zu machen, wie der ihm
entsprechende, ihr ein Kind zu gebären, beide der phallischen Zeit angehörig, befremdend genug,
aber durch die analytische Beobachtung über jeden Zweifel festgestellt. Der Reiz dieser
Untersuchungen liegt in den überraschenden Einzelfunden, die sie uns bringen. So z.
B. entdeckt
man die Angst, umgebracht oder vergiftet zu werden, die später den Kern einer paranoischen
Erkrankung bilden kann, schon in dieser präödipalen Zeit auf die Mutter bezogen. Oder ein
anderer Fall: Sie erinnern sich an eine interessante Episode aus der Geschichte der analytischen
Forschung, die mir viele peinliche Stunden verursacht hat. In der Zeit, da das Hauptinteresse auf
336
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin