Seite - 338 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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bereitwillig nährte, zu früh weggeschickt hat. Aber was immer der wirkliche Sachverhalt
gewesen sein mag, es ist unmöglich, daß der Vorwurf des Kindes so oft berechtigt ist, als man
ihm begegnet. Es scheint vielmehr, daß die Gier des Kindes nach seiner ersten Nahrung
überhaupt unstillbar ist, daß es den Verlust der Mutterbrust niemals verschmerzt. Ich wäre gar
nicht überrascht, wenn die Analyse eines Primitiven, der noch an der Mutterbrust saugen durfte,
als er schon laufen und sprechen konnte, denselben Vorwurf zutage fördern würde. Mit der
Entziehung der Brust hängt wahrscheinlich auch die Angst vor Vergiftung zusammen. Gift ist die
Nahrung, die einen krank macht. Vielleicht führt das Kind auch seine frühen Erkrankungen auf
diese Versagung zurück. Es gehört bereits ein gut Stück intellektueller Schulung dazu, um an
Zufall zu glauben; der Primitive, der Ungebildete, gewiß auch das Kind, wissen für alles, was
geschieht, einen Grund anzugeben. Vielleicht war es ursprünglich ein Motiv im Sinne des
Animismus. In manchen Schichten unserer Bevölkerung kann noch heute niemand sterben, der
nicht von einem anderen umgebracht worden wäre, am besten vom Doktor. Und die regelmäßige
neurotische Reaktion auf den Tod einer nahestehenden Person ist doch die Selbstbeschuldigung,
daß man selbst diesen Tod verursacht hat.
Die nächste Anklage gegen die Mutter flammt auf, wenn das nächste Kind in der Kinderstube
erscheint. Wenn möglich, hält sie den Zusammenhang mit der oralen Versagung fest. Die Mutter
konnte oder wollte dem Kind nicht mehr Milch geben, weil sie die Nahrung für das neu
Angekommene brauchte. Im Falle, daß die beiden Kinder so nahe beisammen sind, daß die
Laktation durch die zweite Gravidität geschädigt wird, erwirbt ja dieser Vorwurf eine reale
Begründung, und merkwürdigerweise ist das Kind auch bei einer Altersdifferenz von nur 11
Monaten nicht zu jung, um den Sachverhalt zur Kenntnis zu nehmen. Aber nicht allein die
Milchnahrung mißgönnt das Kind dem unerwünschten Eindringling und Rivalen, sondern ebenso
alle anderen Zeichen der mütterlichen Fürsorge. Es fühlt sich entthront, beraubt, in seinen
Rechten geschädigt, wirft einen eifersüchtigen Haß auf das Geschwisterchen und entwickelt
einen Groll auf die ungetreue Mutter, der sich sehr oft in einer unliebsamen Veränderung seines
Benehmens Ausdruck schafft. Es wird etwa »schlimm«, reizbar, unfolgsam und macht seine
Erwerbungen in der Beherrschung der Ausscheidungen rückgängig. Das ist alles längst bekannt
und wird als selbstverständlich hingenommen, aber wir machen uns selten die richtige
Vorstellung von der Stärke dieser eifersüchtigen Regungen, von der Zähigkeit, mit der sie haften
bleiben, sowie von der Größe ihres Einflusses auf die spätere Entwicklung. Besonders, da dieser
Eifersucht in den späteren Kinderjahren immer neue Nahrung zugeführt wird und die ganze
Erschütterung sich bei jedem neuen Geschwisterchen wiederholt. Es ändert auch nicht viel daran,
wenn das Kind etwa der bevorzugte Liebling der Mutter bleibt; die Liebesansprüche des Kindes
sind unmäßig, fordern Ausschließlichkeit, lassen keine Teilung zu.
Eine reichliche Quelle für die Feindseligkeit des Kindes gegen die Mutter ergeben seine
mannigfachen, je nach der Libidophase wechselnden Sexualwünsche, die meist nicht befriedigt
werden können. Die stärkste dieser Versagungen ereignet sich in der phallischen Zeit, wenn die
Mutter die lustvolle Betätigung am Genitale verbietet, – oft unter harten Drohungen und mit allen
Zeichen des Unwillens, – zu der sie doch das Kind selbst angeleitet hatte. Man sollte meinen, das
wären Motive genug, die Abwendung des Mädchens von der Mutter zu begründen. Man würde
dann urteilen, diese Entzweiung folge unvermeidlicherweise aus der Natur der kindlichen
Sexualität, aus der Unmäßigkeit der Liebesansprüche und der Unerfüllbarkeit der
Sexualwünsche. Ja vielleicht denkt man, diese erste Liebesbeziehung des Kindes sei zum
Untergang verurteilt, eben darum, weil sie die erste ist, denn diese frühzeitigen
Objektbesetzungen sind regelmäßig im hohen Grade ambivalent; neben der starken Liebe ist
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin