Seite - 344 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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dann noch zu tun war, bestand darin, die Fasern aneinander haften zu machen, die am Körper in
der Haut staken und nur miteinander verfilzt waren. Wenn Sie diesen Einfall als phantastisch
zurückweisen und mir den Einfluß des Penismangels auf die Gestaltung der Weiblichkeit als eine
fixe Idee anrechnen, bin ich natürlich wehrlos.
Die Bedingungen der Objektwahl des Weibes sind häufig genug durch soziale Verhältnisse
unkenntlich gemacht. Wo sie sich frei zeigen darf, erfolgt sie oft nach dem narzißtischen Ideal
des Mannes, der zu werden das Mädchen gewünscht hatte. Ist das Mädchen in der Vaterbindung,
also im Ödipuskomplex, verblieben, so wählt es nach dem Vatertypus. Da bei der Wendung von
der Mutter zum Vater die Feindseligkeit der ambivalenten Gefühlsbeziehung bei der Mutter
verblieben ist, sollte eine solche Wahl eine glückliche Ehe versichern. Aber sehr oft tritt der
Ausgang ein, der eine solche Erledigung des Ambivalenzkonflikts im allgemeinen bedroht. Die
zurückgelassene Feindseligkeit kommt der positiven Bindung nach und greift auf das neue
Objekt über. Der Ehemann, der zunächst vom Vater geerbt hatte, tritt mit der Zeit auch das
Muttererbe an. So kann es leicht geschehen, daß die zweite Hälfte des Lebens einer Frau von dem
Kampf gegen ihren Mann erfüllt wird wie die kürzere erste von der Auflehnung gegen ihre
Mutter. Nachdem die Reaktion ausgelebt worden ist, kann sich eine zweite Ehe leicht sehr viel
befriedigender gestalten. Eine andere Wandlung im Wesen der Frau, für die die Liebenden nicht
vorbereitet sind, mag eintreten, nachdem in der Ehe das erste Kind geboren worden ist. Unter
dem Eindruck der eigenen Mutterschaft kann eine Identifizierung mit der eigenen Mutter
wiederbelebt werden, gegen die sich das Weib bis zur Ehe gesträubt hatte, und alle verfügbare
Libido an sich reißen, so daß der Wiederholungszwang eine unglückliche Ehe der Eltern
reproduziert. Daß das alte Moment des Penismangels seine Kraft noch immer nicht eingebüßt hat,
zeigt sich in der verschiedenen Reaktion der Mutter auf die Geburt eines Sohnes oder einer
Tochter. Nur das Verhältnis zum Sohn bringt der Mutter uneingeschränkte Befriedigung; es ist
überhaupt die vollkommenste, am ehesten ambivalenzfreie aller menschlichen Beziehungen. Auf
den Sohn kann die Mutter den Ehrgeiz übertragen, den sie bei sich unterdrücken mußte, von ihm
die Befriedigung all dessen erwarten, was ihr von ihrem Männlichkeitskomplex verblieben ist.
Selbst die Ehe ist nicht eher versichert, als bis es der Frau gelungen ist, ihren Mann auch zu
ihrem Kind zu machen und die Mutter gegen ihn zu agieren.
Die Mutteridentifizierung des Weibes läßt zwei Schichten erkennen, die präödipale, die auf der
zärtlichen Bindung an die Mutter beruht und sie zum Vorbild nimmt, und die spätere aus dem
Ödipuskomplex, die die Mutter beseitigen und beim Vater ersetzen will. Von beiden bleibt viel
für die Zukunft übrig, man hat wohl ein Recht zu sagen, keine wird im Laufe der Entwicklung in
ausreichendem Maße überwunden. Aber die Phase der zärtlichen präödipalen Bindung ist die für
die Zukunft des Weibes entscheidende; in ihr bereitet sich die Erwerbung jener Eigenschaften
vor, mit denen sie später ihrer Rolle in der Sexualfunktion genügen und ihre unschätzbaren
sozialen Leistungen bestreiten wird. In dieser Identifizierung gewinnt sie auch die Anziehung für
den Mann, die dessen ödipale Mutterbindung zur Verliebtheit entfacht. Nur daß dann so häufig
erst der Sohn das erhält, um was er für sich geworben hatte. Man hat den Eindruck, die Liebe des
Mannes und die der Frau sind um eine psychologische Phasendifferenz auseinander.
Daß man dem Weib wenig Sinn für Gerechtigkeit zuerkennen muß, hängt wohl mit dem
Überwiegen des Neids in ihrem Seelenleben zusammen, denn die Gerechtigkeitsforderung ist
eine Verarbeitung des Neids, gibt die Bedingung an, unter der man ihn fahrenlassen kann. Wir
sagen auch von den Frauen aus, daß ihre sozialen Interessen schwächer und ihre Fähigkeit zur
Triebsublimierung geringer sind als die der Männer. Das erstere leitet sich wohl vom dissozialen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin