Seite - 351 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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setzen uns der Gefahr des Irrtums aus, weil man sich dagegen nicht schützen kann, und lehnen
ab, was uns widerspricht. Von dem Recht, unsere Meinungen abzuändern, wenn wir glauben,
etwas Besseres gefunden zu haben, haben wir in der Psychoanalyse reichlich Gebrauch gemacht.
Es war eine der ersten Anwendungen der Psychoanalyse, daß sie uns die Gegnerschaft verstehen
lehrte, die uns die Mitwelt bewies, weil wir Psychoanalyse trieben. Andere Anwendungen, von
objektiver Natur, können ein allgemeineres Interesse beanspruchen. Unsere erste Absicht war ja,
die Störungen des menschlichen Seelenlebens zu verstehen, weil eine merkwürdige Erfahrung
gezeigt hatte, daß hier Verständnis und Heilung beinahe zusammenfallen, daß ein gangbarer Weg
von dem einen zum anderen führt. Es war auch lange Zeit die einzige Absicht. Aber dann
erkannten wir die nahen Beziehungen, ja die innere Identität zwischen den pathologischen und
den sogenannt normalen Vorgängen, die Psychoanalyse wurde zur Tiefenpsychologie, und da
nichts, was Menschen schaffen oder treiben, ohne Mithilfe der Psychologie verständlich ist,
ergaben sich die Anwendungen der Psychoanalyse auf zahlreiche Wissensgebiete, besonders
geisteswissenschaftliche, von selbst, drängten sich auf und forderten Bearbeitung. Leider stießen
diese Aufgaben auf Hindernisse, die, in der Sachlage begründet, auch heute noch nicht
überwunden sind. Eine solche Anwendung setzt fachliche Kenntnis voraus, die der Analytiker
nicht besitzt, während diejenigen, die sie besitzen, die Fachleute, von Analyse nichts wissen und
vielleicht nichts wissen wollen. Es hat sich also ergeben, daß die Analytiker als Dilettanten mit
mehr oder weniger zureichender Ausrüstung, oft in Eile zusammengerafft, Einfälle in jene
Wissensgebiete unternommen haben, wie Mythologie, Kulturgeschichte, Ethnologie,
Religionswissenschaft usw. Sie wurden von den dort ansässigen Forschern nicht besser behandelt
als Eindringlinge überhaupt, ihre Methoden wie ihre Resultate, soweit sie Aufmerksamkeit
fanden, zunächst abgelehnt. Aber diese Verhältnisse sind in stetiger Besserung, auf allen
Gebieten wächst die Anzahl der Personen, die Psychoanalyse studieren, um sie in ihrem
Spezialfach zu verwerten, als Kolonisten die Pioniere abzulösen. Wir dürfen hier eine reiche
Ernte an neuen Einsichten erwarten. Anwendungen der Analyse sind auch immer Bestätigungen
derselben. Dort, wo die wissenschaftliche Arbeit von einer praktischen Betätigung weiter entfernt
ist, werden wohl auch die unvermeidlichen Meinungskämpfe weniger erbittert ausfallen.
Ich empfinde es als eine starke Versuchung, Sie durch all die Anwendungen der Psychoanalyse
auf die Geisteswissenschaften zu führen. Es sind Dinge, wissenswert für jeden Menschen mit
geistigen Interessen, und eine Zeitlang nichts von Abnormität und Krankheit zu hören, wäre eine
verdiente Erholung. Aber ich muß darauf verzichten, es führte uns wiederum über den Rahmen
dieser Vorträge hinaus und, ehrlich gestanden, ich wäre der Aufgabe auch nicht gewachsen. Auf
einigen dieser Gebiete habe ich zwar selbst den ersten Schritt getan, aber heute übersehe ich die
Fülle nicht mehr und hätte viel zu studieren, um zu bewältigen, was seit meinen Anfängen
hinzugekommen ist. Die unter Ihnen, die durch meine Absage enttäuscht sind, mögen sich an
unserer Zeitschrift Imago schadlos halten, die für die nicht medizinischen Anwendungen der
Analyse bestimmt ist.
Nur an einem Thema kann ich nicht so leicht vorbeigehen, nicht weil ich besonders viel davon
verstehe oder selbst soviel dazugetan habe. Ganz im Gegenteil, ich habe mich kaum je damit
beschäftigt. Aber es ist so überaus wichtig, so reich an Hoffnungen für die Zukunft, vielleicht das
Wichtigste von allem, was die Analyse betreibt. Ich meine die Anwendung der Psychoanalyse auf
die Pädagogik, die Erziehung der nächsten Generation. Ich freue mich wenigstens sagen zu
können, daß meine Tochter Anna Freud sich diese Arbeit zur Lebensaufgabe gesetzt hat, mein
Versäumnis auf solche Art wiedergutmacht. Der Weg, der zu dieser Anwendung geführt hat, ist
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin