Seite - 353 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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wenn es keine Anzeichen von Störung zeigt, als eine Maßregel der Fürsorge für seine
Gesundheit, so wie man heute gesunde Kinder gegen Diphtherie impft, ohne abzuwarten, ob sie
an Diphtherie erkranken. Die Diskussion dieser Frage hat heute nur ein akademisches Interesse;
ich kann mir gestatten, sie vor Ihnen zu erörtern; der großen Menge unserer Zeitgenossen würde
schon das Projekt als ein ungeheurer Frevel erscheinen, und bei der Stellung der meisten
Elternpersonen zur Analyse muß man derzeit jede Hoffnung auf dessen Durchführung aufgeben.
Eine solche Prophylaxe der Nervosität, die wahrscheinlich sehr wirksam sein würde, setzt auch
eine ganz andere Verfassung der Gesellschaft voraus. Das Stichwort für die Anwendung der
Psychoanalyse auf die Erziehung fällt heute an anderer Stelle. Machen wir uns klar, was die
nächste Aufgabe der Erziehung ist. Das Kind soll Triebbeherrschung lernen. Ihm die Freiheit
geben, daß es uneingeschränkt allen seinen Impulsen folgt, ist unmöglich. Es wäre ein sehr
lehrreiches Experiment für Kinderpsychologen, aber die Eltern könnten dabei nicht leben und die
Kinder selbst würden zu großem Schaden kommen, wie es sich zum Teil sofort, zum anderen
Teil in späteren Jahren zeigen würde. Die Erziehung muß also hemmen, verbieten, unterdrücken
und hat dies auch zu allen Zeiten reichlich besorgt. Aber aus der Analyse haben wir erfahren, daß
gerade diese Triebunterdrückung die Gefahr der neurotischen Erkrankung mit sich bringt. Sie
erinnern sich, wir haben eingehend untersucht, auf welchen Wegen dies geschieht. Die Erziehung
hat also ihren Weg zu suchen zwischen der Scylla des Gewährenlassens und der Charybdis des
Versagens. Wenn die Aufgabe nicht überhaupt unlösbar ist, muß ein Optimum für die Erziehung
aufzufinden sein, wie sie am meisten leisten und am wenigsten schaden kann. Es wird sich darum
handeln zu entscheiden, wieviel man verbieten darf, zu welchen Zeiten und mit welchen Mitteln.
Und dann hat man noch in Rechnung zu setzen, daß die Objekte der erziehlichen Beeinflussung
sehr verschiedene konstitutionelle Veranlagungen mitbringen, so daß das nämliche Vorgehen des
Erziehers unmöglich für alle Kinder gleich gut sein kann. Die nächste Erwägung lehrt, daß die
Erziehung bisher ihre Aufgabe sehr schlecht erfüllt und den Kindern großen Schaden zugefügt
hat. Wenn sie das Optimum findet und ihre Aufgabe in idealer Weise löst, dann kann sie hoffen,
den einen Faktor in der Ätiologie der Erkrankung, den Einfluß der akzidentellen
Kindheitstraumen, auszulöschen. Den anderen, die Macht einer unbotmäßigen Triebkonstitution,
kann sie auf keinen Fall beseitigen. Überlegt man nun die schwierigen Aufgaben, die dem
Erzieher gestellt sind, die konstitutionelle Eigenart des Kindes zu erkennen, aus kleinen
Anzeichen zu erraten, was sich in seinem unfertigen Seelenleben abspielt, ihm das richtige Maß
von Liebe zuzuteilen und doch ein wirksames Stück Autorität aufrechtzuhalten, so sagt man sich,
die einzig zweckmäßige Vorbereitung für den Beruf des Erziehers ist eine gründliche
psychoanalytische Schulung. Am besten ist es, wenn er selbst analysiert worden ist, denn ohne
Erfahrung an der eigenen Person kann man sich die Analyse doch nicht zu eigen machen. Die
Analyse der Lehrer und Erzieher scheint eine wirksamere prophylaktische Maßregel als die der
Kinder selbst, auch setzen sich ihrer Durchführung geringere Schwierigkeiten entgegen.
Nur nebenbei sei einer indirekten Förderung der Kindererziehung durch die Analyse gedacht, die
mit der Zeit zu größerem Einfluß kommen kann. Eltern, die selbst eine Analyse erfahren haben
und ihr viel verdanken, darunter die Einsicht in die Fehler ihrer eigenen Erziehung, werden ihre
Kinder mit besserem Verständnis behandeln und ihnen vieles ersparen, was ihnen selbst nicht
erspart geblieben war. Parallel mit den Bemühungen der Analytiker um die Beeinflussung der
Erziehung laufen andere Untersuchungen über die Entstehung und Verhütung der Verwahrlosung
und der Kriminalität. Auch hier öffne ich Ihnen nur die Türe und zeige Ihnen die Gemächer
dahinter, führe Sie aber nicht hinein. Ich weiß, wenn Ihr Interesse der Psychoanalyse treu bleibt,
werden Sie über diese Dinge viel Neues und Wertvolles hören können. Ich mag aber das Thema
der Erziehung nicht verlassen, ohne eines bestimmten Gesichtspunktes zu gedenken. Es ist – und
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin