Seite - 355 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Material ist so heterogen, daß nur sehr große Zahlen etwas besagen würden. Man tut besser, seine
Einzelerfahrungen zu befragen. Da möchte ich sagen, ich glaube nicht, daß unsere Heilerfolge es
mit denen von Lourdes aufnehmen können. Es gibt soviel mehr Menschen, die an die Wunder der
heiligen Jungfrau, als die an die Existenz des Unbewußten glauben. Wenden wir uns zur
irdischen Konkurrenz, so haben wir die psychoanalytische Therapie mit den anderen Methoden
der Psychotherapie zusammenzustellen. Organische physikalische Behandlungen neurotischer
Zustände braucht man heute kaum zu erwähnen. Als psychotherapeutisches Verfahren steht die
Analyse nicht im Gegensatz zu den anderen Methoden dieses ärztlichen Spezialfachs; sie
entwertet sie nicht, schließt sie nicht aus. Es ginge in der Theorie sehr gut zusammen, daß ein
Arzt, der sich Psychotherapeut nennen will, die Analyse neben allen anderen Heilmethoden bei
seinen Kranken verwendet, je nach der Eigenart des Falles und der Gunst oder Ungunst äußerer
Verhältnisse. In der Wirklichkeit ist es die Technik, die die Spezialisierung der ärztlichen
Tätigkeit erzwingt. So mußten sich auch Chirurgie und Orthopädie voneinander sondern. Die
psychoanalytische Tätigkeit ist schwierig und anspruchsvoll, sie läßt sich nicht gut handhaben
wie die Brille, die man beim Lesen aufsetzt und fürs Spazierengehen ablegt. In der Regel hat die
Psychoanalyse den Arzt entweder ganz oder gar nicht. Die Psychotherapeuten, die sich
gelegentlich auch der Analyse bedienen, stehen nach meiner Kenntnis nicht auf sicherem
analytischen Boden; sie haben nicht die ganze Analyse angenommen, sondern sie verwässert,
vielleicht »entgiftet«; man kann sie nicht zu den Analytikern zählen. Ich meine, das ist
bedauerlich; aber ein Zusammenwirken in der ärztlichen Tätigkeit eines Analytikers mit einem
Psychotherapeuten, der sich auf die anderen Methoden des Fachs beschränkt, wäre durchaus
zweckmäßig.
Mit den anderen Verfahren der Psychotherapie verglichen, ist die Psychoanalyse das über jeden
Zweifel mächtigste. Es ist auch recht und billig so, sie ist auch das mühevollste und
zeitraubendste, man wird sie in leichten Fällen nicht anwenden; man kann mit ihr in geeigneten
Fällen Störungen beseitigen, Änderungen hervorrufen, auf die man in voranalytischen Zeiten
nicht zu hoffen wagte. Aber sie hat auch ihre sehr fühlbaren Schranken. Der therapeutische
Ehrgeiz mancher meiner Anhänger hat sich die größte Mühe gegeben, über diese Hindernisse
hinwegzukommen, so daß alle neurotischen Störungen durch die Psychoanalyse heilbar würden.
Sie haben versucht, die analytische Arbeit in eine verkürzte Dauer zu zwängen, die Übertragung
so zu steigern, daß sie allen Widerständen überlegen wird, andere Arten der Beeinflussung mit
ihr zu vereinigen, um die Heilung zu erzwingen. Diese Bemühungen sind gewiß lobenswert, aber
ich meine, sie sind vergeblich. Sie bringen auch die Gefahr mit sich, daß man selbst aus der
Analyse hinausgedrängt wird und in ein uferloses Experimentieren gerät. Die Erwartung, alles
Neurotische heilen zu können, ist mir der Abkunft verdächtig von jenem Laienglauben, daß die
Neurosen etwas ganz Überflüssiges sind, was überhaupt kein Recht hat zu existieren. In Wahrheit
sind sie schwere, konstitutionell fixierte Affektionen, die sich selten auf einige Ausbrüche
beschränken, meist über lange Lebensperioden oder das ganze Leben anhalten. Die analytische
Erfahrung, daß man sie weitgehend beeinflussen kann, wenn man sich der historischen
Krankheitsanlässe und der akzidentellen Hilfsmomente bemächtigt, hat uns veranlaßt, den
konstitutionellen Faktor in der therapeutischen Praxis zu vernachlässigen; wir können ihm ja
auch nichts anhaben; in der Theorie sollten wir seiner immer gedenken. Schon die durchgängige
Unzugänglichkeit der Psychosen für die analytische Therapie sollte bei deren naher
Verwandtschaft mit den Neurosen unsere Ansprüche bei diesen letzteren einschränken. Die
therapeutische Wirksamkeit der Psychoanalyse bleibt durch eine Reihe von bedeutsamen und
kaum angreifbaren Momenten beengt. Beim Kind, wo man auf die größten Erfolge rechnen
könnte, sind es die äußerlichen Schwierigkeiten der Elternsituation, die aber doch zum Kindsein
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin