Seite - 358 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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35. Vorlesung
Über eine Weltanschauung
Meine Damen und Herren! Bei unserem letzten Beisammensein haben wir uns mit kleinen
Alltagssorgen beschäftigt, gleichsam unser bescheidenes eigenes Haus bestellt. Nun wollen wir
einen kühnen Anlauf nehmen und uns an die Beantwortung einer Frage wagen, die wiederholt
von anderer Seite gestellt worden ist, ob die Psychoanalyse zu einer bestimmten Weltanschauung
führt und zu welcher.
Weltanschauung ist, besorge ich, ein spezifisch deutscher Begriff, dessen Übersetzung in fremde
Sprachen Schwierigkeiten machen dürfte. Wenn ich eine Definition davon versuche, wird sie
Ihnen gewiß ungeschickt erscheinen. Ich meine also, eine Weltanschauung ist eine intellektuelle
Konstruktion, die alle Probleme unseres Daseins aus einer übergeordneten Annahme einheitlich
löst, in der demnach keine Frage offen bleibt und alles, was unser Interesse hat, seinen
bestimmten Platz findet. Es ist leicht zu verstehen, daß der Besitz einer solchen Weltanschauung
zu den Idealwünschen der Menschen gehört. Im Glauben an sie kann man sich im Leben sicher
fühlen, wissen, was man anstreben soll, wie man seine Affekte und Interessen am
zweckmäßigsten unterbringen kann.
Wenn das der Charakter einer Weltanschauung ist, so wird die Antwort für die Psychoanalyse
leicht. Als eine Spezialwissenschaft, ein Zweig der Psychologie, – Tiefenpsychologie oder
Psychologie des Unbewußten, – ist sie ganz ungeeignet, eine eigene Weltanschauung zu bilden,
sie muß die der Wissenschaft annehmen. Die wissenschaftliche Weltanschauung entfernt sich
aber bereits merklich von unserer Definition. Die Einheitlichkeit der Welterklärung wird zwar
auch von ihr angenommen, aber nur als ein Programm, dessen Erfüllung in die Zukunft
verschoben ist. Sonst ist sie durch negative Charaktere ausgezeichnet, durch die Einschränkung
auf das derzeit Wißbare und die scharfe Ablehnung gewisser, ihr fremder Elemente. Sie
behauptet, daß es keine andere Quelle der Weltkenntnis gibt als die intellektuelle Bearbeitung
sorgfältig überprüfter Beobachtungen, also was man Forschung heißt, daneben keine Kenntnis
aus Offenbarung, Intuition oder Divination. Es scheint, daß diese Auffassung in den
letztvergangenen Jahrhunderten der allgemeinen Anerkennung sehr nahe war. Unserem
Jahrhundert blieb es vorbehalten, den überheblichen Einwand zu finden, eine solche
Weltanschauung sei ebenso armselig wie trostlos, übersehe die Ansprüche des Menschengeistes
und die Bedürfnisse der menschlichen Seele.
Man kann diesen Einwand nicht energisch genug zurückweisen. Er ist ganz haltlos, denn Geist
und Seele sind in genau der nämlichen Weise Objekte der wissenschaftlichen Forschung wie
irgendwelche menschenfremden Dinge. Die Psychoanalyse hat ein besonderes Anrecht, hier das
Wort für die wissenschaftliche Weltanschauung zu führen, weil man ihr nicht den Vorwurf
machen kann, daß sie das Seelische im Weltbild vernachlässigt habe. Ihr Beitrag zur
Wissenschaft besteht gerade in der Ausdehnung der Forschung auf das seelische Gebiet. Ohne
eine solche Psychologie wäre allerdings die Wissenschaft sehr unvollständig. Nimmt man aber
die Erforschung der intellektuellen und emotionellen Funktionen des Menschen (und der Tiere)
in die Wissenschaft auf, so zeigt sich, daß an der Gesamteinstellung der Wissenschaft nichts
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin