Seite - 359 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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geändert wird, es ergeben sich keine neuen Quellen des Wissens oder Methoden des Forschens.
Intuition und Divination wären solche, wenn sie existierten, aber man darf sie beruhigt zu den
Illusionen rechnen, den Erfüllungen von Wunschregungen. Man erkennt auch leicht, daß jene
Anforderungen an eine Weltanschauung nur affektiv begründet sind. Die Wissenschaft nimmt zur
Kenntnis, daß das menschliche Seelenleben solche Forderungen erschafft, ist bereit, deren
Quellen nachzuprüfen, hat aber nicht den geringsten Anlaß, sie als berechtigt anzuerkennen. Sie
sieht sich im Gegenteil gemahnt, alles was Illusion, Ergebnis solcher Affektforderung ist,
sorgfältig vom Wissen zu scheiden.
Das bedeutet keineswegs, diese Wünsche verächtlich beiseite zu schieben oder ihren Wert fürs
Menschenleben zu unterschätzen. Man ist bereit zu verfolgen, welche Erfüllungen dieselben sich
in den Leistungen der Kunst, in den Systemen der Religion und der Philosophie geschaffen
haben, aber man kann doch nicht übersehen, daß es unrechtmäßig und in hohem Grade
unzweckmäßig wäre, die Übertragung dieser Ansprüche auf das Gebiet der Erkenntnis
zuzulassen. Denn damit öffnet man die Wege, die ins Reich der Psychose, sei es der individuellen
oder der Massenpsychose, führen, und entzieht jenen Strebungen wertvolle Energien, die sich der
Wirklichkeit zuwenden, um, soweit es möglich ist, Wünsche und Bedürfnisse in ihr zu
befriedigen.
Vom Standpunkt der Wissenschaft aus ist es unvermeidlich, hier Kritik zu üben und mit
Ablehnungen und Zurückweisungen vorzugehen. Es ist unzulässig zu sagen, die Wissenschaft ist
ein Gebiet menschlicher Geistestätigkeit, Religion und Philosophie sind andere, ihr zum
mindesten gleichwertig, und die Wissenschaft hat diesen beiden nichts dareinzureden; sie haben
alle gleichen Anspruch auf Wahrheit, und jedem Menschen steht es frei, zu wählen, woher er
seine Überzeugung nehmen und wohin er seinen Glauben verlegen will. Eine solche Anschauung
gilt als besonders vornehm, tolerant, umfassend und frei von engherzigen Vorurteilen. Leider ist
sie nicht haltbar, sie hat Anteil an allen Schädlichkeiten einer ganz unwissenschaftlichen
Weltanschauung und kommt ihr praktisch gleich. Es ist nun einmal so, daß die Wahrheit nicht
tolerant sein kann, keine Kompromisse und Einschränkungen zuläßt, daß die Forschung alle
Gebiete menschlicher Tätigkeit als ihr eigen betrachtet und unerbittlich kritisch werden muß,
wenn eine andere Macht ein Stück davon für sich beschlagnahmen will.
Von den drei Mächten, die der Wissenschaft Grund und Boden bestreiten können, ist die Religion
allein der ernsthafte Feind. Die Kunst ist fast immer harmlos und wohltätig, sie will nichts
anderes sein als Illusion. Außer bei wenigen Personen, die, wie man sagt, von der Kunst besessen
sind, wagt sie keine Übergriffe ins Reich der Realität. Die Philosophie ist der Wissenschaft nicht
gegensätzlich, sie gebärdet sich selbst wie eine Wissenschaft, arbeitet zum Teil mit den gleichen
Methoden, entfernt sich aber von ihr, indem sie an der Illusion festhält, ein lückenloses und
zusammenhängendes Weltbild liefern zu können, das doch bei jedem neuen Fortschritt unseres
Wissens zusammenbrechen muß. Methodisch geht sie darin irre, daß sie den Erkenntniswert
unserer logischen Operationen überschätzt und etwa noch andere Wissensquellen wie die
Intuition anerkennt. Und oft genug meint man, der Spott des Dichters (H. Heine) sei nicht
unberechtigt, wenn er vom Philosophen sagt:
»Mit seinen Nachtmützen und Schlafrockfetzen
Stopft er die Lücken des Weltenbaus.«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin