Seite - 363 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 363 -
Text der Seite - 363 -
Ist dies die Vorgeschichte der religiösen Weltanschauung, so wenden wir uns jetzt zu dem, was
seither geschehen und noch unter unseren Augen vor sich geht. Der wissenschaftliche Geist, an
der Beobachtung der Naturvorgänge erstarkt, hat im Laufe der Zeiten begonnen, die Religion wie
eine menschliche Angelegenheit zu behandeln und sie einer kritischen Prüfung zu unterziehen.
Der konnte sie nicht standhalten. Es waren zunächst ihre Wunderberichte, die Befremden und
Unglauben hervorriefen, weil sie allem widersprachen, was die nüchterne Beobachtung gelehrt
hatte, und überdeutlich den Einfluß menschlicher Phantasietätigkeit verrieten. Dann mußten ihre
Lehren zur Erklärung der bestehenden Welt Ablehnung finden, denn sie zeugten von einer
Unwissenheit, die den Stempel alter Zeiten an sich trug und der man sich dank gesteigerter
Vertrautheit mit den Naturgesetzen überlegen wußte. Daß die Welt durch Zeugungs- oder
Schöpfungsakte entstanden sein sollte, analog der Entstehung des einzelnen Menschen, erschien
nicht mehr als die nächste, selbstverständliche Annahme, seitdem sich dem Denken die
Unterscheidung von belebten und seelenvollen Wesen und einer unbelebten Natur aufgedrängt
hatte, mit der das Festhalten am ursprünglichen Animismus unmöglich wurde. Nicht zu
übersehen ist auch der Einfluß des vergleichenden Studiums verschiedener religiöser Systeme
und der Eindruck ihrer gegenseitigen Ausschließung und ihrer Intoleranz gegeneinander.
An diesen Vorübungen erstarkt, hat der wissenschaftliche Geist endlich den Mut gewonnen, sich
an die Prüfung der bedeutsamsten und affektiv wertvollsten Stücke der religiösen
Weltanschauung zu wagen. Man hätte es immer sehen können, aber man getraute sich erst spät es
auszusprechen, daß auch die Behauptungen der Religion, die dem Menschen Schutz und Glück
versprechen, wenn er nur gewisse ethische Anforderungen erfüllt, sich als unglaubwürdig
erweisen. Es scheint nicht zuzutreffen, daß es eine Macht im Weltall gibt, die mit elterlicher
Sorgfalt über das Wohlergehen des Einzelnen wacht und alles, was ihn betrifft, zu glücklichem
Ende leitet. Vielmehr sind die Schicksale der Menschen weder mit der Annahme der Weltgüte
noch mit der – ihr zum Teil widersprechenden – einer Weltgerechtigkeit zu vereinen. Erdbeben,
Sturmfluten, Feuersbrünste machen keinen Unterschied zwischen dem Guten und Frommen und
dem Bösewicht oder dem Ungläubigen. Auch wo nicht die unbelebte Natur in Betracht kommt
und insoferne das Schicksal des einzelnen Menschen von seinen Beziehungen zu den anderen
Menschen abhängt, ist es keineswegs die Regel, daß die Tugend belohnt wird und das Böse seine
Strafe findet, sondern oft genug reißt der Gewalttätige, Schlaue, Rücksichtslose die beneideten
Güter der Welt an sich und der Fromme geht leer aus. Dunkle, fühllose und lieblose Mächte
bestimmen das menschliche Schicksal; das System von Belohnungen und Strafen, dem die
Religion die Weltherrschaft zugeschrieben hat, scheint nicht zu existieren. Hier ist wiederum ein
Anlaß, ein Stück der Beseelung, das sich aus dem Animismus in die Religion gerettet hatte,
fallenzulassen.
Den letzten Beitrag zur Kritik der religiösen Weltanschauung hat die Psychoanalyse geleistet,
indem sie auf den Ursprung der Religion aus der kindlichen Hilflosigkeit hinwies und ihre Inhalte
aus den ins reife Leben fortgesetzten Wünschen und Bedürfnissen der Kinderzeit ableitete. Das
bedeutete nicht gerade eine Widerlegung der Religion, aber es war doch eine notwendige
Abrundung unseres Wissens um sie und wenigstens in einem Punkt ein Widerspruch, da sie
selbst göttliche Abkunft für sich in Anspruch nimmt. Freilich hat sie damit nicht unrecht, wenn
man unsere Deutung Gottes annimmt.
Das zusammenfassende Urteil der Wissenschaft über die religiöse Weltanschauung lautet also:
Während die einzelnen Religionen miteinander hadern, welche von ihnen im Besitz der Wahrheit
sei, meinen wir, daß der Wahrheitsgehalt der Religion überhaupt vernachlässigt werden darf.
363
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin