Seite - 364 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Religion ist ein Versuch, die Sinneswelt, in die wir gestellt sind, mittels der Wunschwelt zu
bewältigen, die wir infolge biologischer und psychologischer Notwendigkeiten in uns entwickelt
haben. Aber sie kann es nicht leisten. Ihre Lehren tragen das Gepräge der Zeiten, in denen sie
entstanden sind, der unwissenden Kinderzeiten der Menschheit. Ihre Tröstungen verdienen kein
Vertrauen. Die Erfahrung lehrt uns: Die Welt ist keine Kinderstube. Die ethischen Forderungen,
denen die Religion Nachdruck verleihen will, verlangen vielmehr eine andere Begründung, denn
sie sind der menschlichen Gesellschaft unentbehrlich und es ist gefährlich, ihre Befolgung an die
religiöse Gläubigkeit zu knüpfen. Versucht man, die Religion in den Entwicklungsgang der
Menschheit einzureihen, so erscheint sie nicht als ein Dauererwerb, sondern als ein Gegenstück
der Neurose, die der einzelne Kulturmensch auf seinem Wege von der Kindheit zur Reife
durchzumachen hat.
Es steht Ihnen natürlich frei, an dieser meiner Darstellung Kritik zu üben; ich werde Ihnen dabei
selbst entgegenkommen. Was ich Ihnen über die allmähliche Abbröckelung der religiösen
Weltanschauung gesagt habe, war gewiß in seiner Verkürzung unvollständig; die Reihenfolge der
einzelnen Vorgänge war nicht ganz richtig angegeben, das Zusammenwirken verschiedener
Kräfte beim Erwachen des wissenschaftlichen Geistes wurde nicht verfolgt. Ich habe auch die
Veränderungen außer acht gelassen, die sich in der religiösen Weltanschauung selbst während der
Zeit ihrer unbestrittenen Herrschaft und dann unter dem Einfluß der erwachenden Kritik
vollzogen haben. Endlich habe ich meine Erörterung strenggenommen auf eine einzige
Gestaltung der Religion, die der abendländischen Völker, eingeschränkt. Ich habe mir sozusagen
ein Phantom geschaffen zum Zweck einer beschleunigten, möglichst eindrucksvollen
Demonstration. Lassen wir die Frage beiseite, ob mein Wissen überhaupt hingereicht hätte, es
besser und vollständiger zu machen. Ich weiß, alles, was ich Ihnen gesagt habe, können Sie
anderswo finden, besser finden, nichts davon ist neu. Lassen Sie mich die Überzeugung
aussprechen, daß die sorgfältigste Bearbeitung des Stoffs der Religionsprobleme unser Ergebnis
nicht erschüttern würde.
Sie wissen, daß der Kampf des wissenschaftlichen Geistes gegen die religiöse Weltanschauung
nicht zu Ende gekommen ist, er spielt sich noch in der Gegenwart unter unseren Augen ab.
Sowenig sonst die Psychoanalyse von der Waffe der Polemik Gebrauch macht, so wollen wir es
uns doch nicht versagen, in diesen Streit Einsicht zu nehmen. Wir erreichen dabei vielleicht eine
weitere Klärung unserer Stellung zu den Weltanschauungen. Sie werden sehen, wie leicht sich
einige der Argumente, die die Anhänger der Religion vorbringen, zurückweisen lassen: andere
mögen sich allerdings der Widerlegung entziehen.
Die erste Einwendung, die man hört, lautet, es sei eine Vermessenheit der Wissenschaft, die
Religion zum Gegenstand ihrer Untersuchungen zu nehmen, denn diese sei etwas Souveränes,
jeder menschlichen Verstandestätigkeit Überlegenes, dem man mit klügelnder Kritik nicht
nahekommen darf. Mit anderen Worten, die Wissenschaft ist zur Beurteilung der Religion nicht
zuständig. Sie sei sonst ganz brauchbar und schätzenswert, solange sie sich auf ihr Gebiet
beschränkt, aber die Religion sei nicht ihr Gebiet, da habe sie nichts zu suchen. Läßt man sich
durch diese barsche Abweisung nicht abhalten und fragt weiter, worauf sich dieser Anspruch auf
eine Ausnahmsstellung unter allen menschlichen Angelegenheiten gründet, so erhält man zur
Antwort, wenn man überhaupt einer Antwort gewürdigt wird, die Religion darf nicht mit
menschlichem Maß gemessen werden, denn sie ist göttlicher Herkunft, uns durch Offenbarung
von einem Geist gegeben, den der Menschengeist nicht zu begreifen vermag. Man sollte meinen,
nichts sei leichter abzuweisen als dieses Argument, es ist doch eine offenkundige petitio
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin