Seite - 369 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Bau der Atome oder die Abstammung des Menschen spekuliert und der die Konstruktion einer
tragfähigen Brücke entwirft. Wäre es wirklich gleichgültig, was wir meinen, gäbe es keine
Kenntnisse, die unter unseren Meinungen durch ihre Übereinstimmung mit der Wirklichkeit
ausgezeichnet sind, so dürften wir Brücken ebensowohl aus Pappe bauen wie aus Stein, dem
Kranken ein Dezigramm Morphin einspritzen anstatt eines Zentigramms, Tränengas zur Narkose
nehmen an Stelle von Äther. Aber auch die intellektuellen Anarchisten würden solche praktische
Anwendungen ihrer Theorie energisch ablehnen.
Die andere Gegnerschaft ist weit ernster zu nehmen, auch bedaure ich in diesem Fall am
lebhaftesten die Unzulänglichkeit meiner Orientierung. Ich vermute, Sie wissen von dieser Sache
mehr als ich und Sie haben längst Stellung für oder gegen den Marxismus genommen. Die
Untersuchungen von K. Marx über die ökonomische Struktur der Gesellschaft und den Einfluß
der verschiedenen Wirtschaftsformen auf alle Gebiete des Menschenlebens haben in unserer Zeit
eine unbestreitbare Autorität gewonnen. Inwieweit sie im einzelnen das Richtige treffen oder
irregehen, kann ich natürlich nicht wissen. Ich höre, daß es auch anderen, besser Unterrichteten
nicht leicht wird. In der Marxschen Theorie haben mich Sätze befremdet wie, daß die
Entwicklung der Gesellschaftsformen ein naturgeschichtlicher Prozeß sei, oder daß die
Wandlungen in der sozialen Schichtung auf dem Weg eines dialektischen Prozesses auseinander
hervorgehen. Ich bin gar nicht sicher, daß ich diese Behauptungen richtig verstehe, sie klingen
auch nicht »materialistisch«, sondern eher wie ein Niederschlag jener dunklen Hegelschen
Philosophie, durch deren Schule auch Marx gegangen ist. Ich weiß nicht, wie ich von meiner
Laienmeinung frei werden kann, die gewohnt ist, die Klassenbildung in der Gesellschaft auf die
Kämpfe zurückzuführen, die sich seit dem Beginn der Geschichte zwischen den um ein Geringes
verschiedenen Menschenhorden abspielten. Die sozialen Unterschiede, meinte ich, waren
ursprünglich Stammes- oder Rassenunterschiede. Psychologische Faktoren, wie das Ausmaß der
konstitutionellen Aggressionslust, aber auch die Festigkeit der Organisation innerhalb der Horde,
und materielle, wie der Besitz der besseren Waffen, entschieden den Sieg. Im Zusammenleben
auf demselben Boden wurden die Sieger die Herren, die Besiegten die Sklaven. Dabei ist nichts
von Naturgesetz oder Begriffswandlung zu entdecken, hingegen ist der Einfluß unverkennbar,
den die fortschreitende Beherrschung der Naturkräfte auf die sozialen Beziehungen der
Menschen übt, indem sie die neugewonnenen Machtmittel immer auch in den Dienst ihrer
Aggression stellen und gegeneinander verwenden. Die Einführung des Metalls, der Bronze, des
Eisens hat ganzen Kulturepochen und ihren sozialen Institutionen ein Ende gemacht. Ich glaube
wirklich, daß das Schießpulver, die Feuerwaffe Rittertum und Adelsherrschaft aufgehoben hat
und daß der russische Despotismus bereits vor dem verlorenen Krieg verurteilt war, da keine
Inzucht innerhalb der Europa beherrschenden Familien ein Geschlecht von Zaren hätte erzeugen
können, fähig, der Sprengkraft des Dynamits zu widerstehen.
Ja, vielleicht zahlen wir mit der gegenwärtigen, an den Weltkrieg anschließenden
Wirtschaftskrise auch nur den Preis für den letzten großartigen Sieg über die Natur, die
Eroberung des Luftraums. Das klingt nicht sehr einleuchtend, aber wenigstens die ersten Glieder
des Zusammenhangs sind klar zu erkennen. Die Politik Englands fußte auf der Sicherheit, die
ihm das seine Küsten umspülende Meer verbürgte. Im Moment, da Blériot den Kanal im
Aeroplan überflogen hatte, war diese schützende Isolierung durchbrochen, und in jener Nacht, als
in Friedenszeiten und zu Übungszwecken ein deutscher Zeppelin über London kreiste, war wohl
der Krieg gegen Deutschland beschlossene Sache[14]. Auch die Drohung des Unterseeboots ist
dabei nicht zu vergessen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin