Seite - 371 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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marxistischen Theorie ist untersagt, Zweifel an ihrer Richtigkeit werden so geahndet wie einst die
Ketzerei von der katholischen Kirche. Die Werke von Marx haben als Quelle einer Offenbarung
die Stelle der Bibel und des Korans eingenommen, obwohl sie nicht freier von Widersprüchen
und Dunkelheiten sein sollen als diese älteren heiligen Bücher.
Und obwohl der praktische Marxismus mit allen idealistischen Systemen und Illusionen
erbarmungslos aufgeräumt hat, hat er doch selbst Illusionen entwickelt, die nicht weniger
fragwürdig und unbeweisbar sind als die früheren. Er hofft, im Laufe weniger Generationen die
menschliche Natur so zu verändern, daß sich ein fast reibungsloses Zusammenleben der
Menschen in der neuen Gesellschaftsordnung ergibt und daß sie die Aufgaben der Arbeit
zwangsfrei auf sich nehmen. Unterdes verlegt er die in der Gesellschaft unerläßlichen
Triebeinschränkungen an andere Stellen und lenkt die aggressiven Neigungen, die jede
menschliche Gemeinschaft bedrohen, nach außen ab, stürzt sich auf die Feindseligkeit der Armen
gegen die Reichen, der bisher Ohnmächtigen gegen die früheren Machthaber. Aber eine solche
Umwandlung der menschlichen Natur ist sehr unwahrscheinlich. Der Enthusiasmus, mit dem die
Menge gegenwärtig der bolschewistischen Anregung folgt, solange die neue Ordnung unfertig
und von außen bedroht ist, gibt keine Sicherheit für eine Zukunft, in der sie ausgebaut und
ungefährdet wäre. Ganz ähnlich wie die Religion muß auch der Bolschewismus seine Gläubigen
für die Leiden und Entbehrungen des gegenwärtigen Lebens durch das Versprechen eines
besseren Jenseits entschädigen, in dem es kein unbefriedigtes Bedürfnis mehr geben wird. Dies
Paradies soll allerdings ein diesseitiges sein, auf Erden eingerichtet und in absehbarer Zeit
eröffnet werden. Aber erinnern wir uns, auch die Juden, deren Religion nichts von einem
jenseitigen Leben weiß, haben die Ankunft des Messias auf Erden erwartet, und das christliche
Mittelalter hat wiederholt geglaubt, daß das Reich Gottes nahe bevorsteht.
Es ist nicht zweifelhaft, wie die Antwort des Bolschewismus auf diese Vorhalte lauten wird. Er
wird sagen: Solange die Menschen in ihrer Natur noch nicht umgewandelt sind, muß man sich
der Mittel bedienen, die heute auf sie wirken. Man kann den Zwang in ihrer Erziehung nicht
entbehren, das Denkverbot, die Anwendung der Gewalt bis zum Blutvergießen, und wenn man
nicht jene Illusionen in ihnen erweckte, würde man sie nicht dazu bringen, sich diesem Zwang zu
fügen. Und er könnte höflich ersuchen, ihm doch zu sagen, wie man es anders machen könnte.
Damit wären wir geschlagen. Ich wüßte keinen Rat zu geben. Ich würde gestehen, daß die
Bedingungen dieses Experiments mich und meinesgleichen abgehalten hätten, es zu
unternehmen, aber wir sind nicht die einzigen, auf die es ankommt. Es gibt auch Männer der Tat,
unerschütterlich in ihren Überzeugungen, unzugänglich dem Zweifel, unempfindlich für die
Leiden Anderer, wenn sie ihren Absichten im Wege sind. Solchen Männern verdanken wir es,
daß der großartige Versuch einer solchen Neuordnung jetzt in Rußland wirklich durchgeführt
wird. In einer Zeit, da große Nationen verkünden, sie erwarten ihr Heil nur vom Festhalten an der
christlichen Frömmigkeit, wirkt die Umwälzung in Rußland – trotz aller unerfreulichen
Einzelzüge – doch wie die Botschaft einer besseren Zukunft. Leider ergibt sich weder aus
unserem Zweifel noch aus dem fanatischen Glauben der Anderen ein Wink, wie der Versuch
ausgehen wird. Die Zukunft wird es lehren, vielleicht wird sie zeigen, daß der Versuch vorzeitig
unternommen wurde, daß eine durchgreifende Änderung der sozialen Ordnung wenig Aussicht
auf Erfolg hat, solange nicht neue Entdeckungen unsere Beherrschung der Naturkräfte gesteigert
und damit die Befriedigung unserer Bedürfnisse erleichtert haben. Erst dann mag es möglich
werden, daß eine neue Gesellschaftsordnung nicht nur die materielle Not der Massen verbannt,
sondern auch die kulturellen Ansprüche des Einzelnen erhört. Mit den Schwierigkeiten, welche
die Unbändigkeit der menschlichen Natur jeder Art von sozialer Gemeinschaft bereitet, werden
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin