Seite - 372 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 372 -
Text der Seite - 372 -
wir freilich auch dann noch unabsehbar lange zu ringen haben.
Meine Damen und Herren! Lassen Sie mich zum Schluß zusammenfassen, was ich über die
Beziehung der Psychoanalyse zur Frage der Weltanschauung zu sagen hatte. Die Psychoanalyse,
meine ich, ist unfähig, eine ihr besondere Weltanschauung zu erschaffen. Sie braucht es nicht, sie
ist ein Stück Wissenschaft und kann sich der wissenschaftlichen Weltanschauung anschließen.
Diese verdient aber kaum den großtönenden Namen, denn sie schaut nicht alles an, sie ist zu
unvollendet, erhebt keinen Anspruch auf Geschlossenheit und Systembildung. Das
wissenschaftliche Denken ist noch sehr jung unter den Menschen, hat zuviele der großen
Probleme noch nicht bewältigen können. Eine auf die Wissenschaft aufgebaute Weltanschauung
hat außer der Betonung der realen Außenwelt wesentlich negative Züge, wie die Bescheidung zur
Wahrheit, die Ablehnung der Illusionen. Wer von unseren Mitmenschen mit diesem Zustand der
Dinge unzufrieden ist, wer zu seiner augenblicklichen Beschwichtigung mehr verlangt, der mag
es sich beschaffen, wo er es findet. Wir werden es ihm nicht verübeln, können ihm nicht helfen,
aber auch seinetwegen nicht anders denken.
[◀ ]
372
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin