Seite - 377 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Vorbemerkung.
Indem ich hier die Darstellung der Traumdeutung versuche, glaube ich den Umkreis
neuropathologischer Interessen nicht überschritten zu haben. Denn der Traum erweist sich bei der
psychologischen Prüfung als das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer Gebilde, von
deren weiteren Gliedern die hysterische Phobie, die Zwangs- und die Wahnvorstellung den Arzt
aus praktischen Gründen beschäftigen müssen. Auf eine ähnliche praktische Bedeutung kann der
Traum – wie sich zeigen wird – Anspruch nicht erheben; um so größer ist aber sein theoretischer
Wert als Paradigma, und wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, wird
sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahnideen, eventuell um deren
therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen.
Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtigkeit verdankt, ist auch für die
Mängel der vorliegenden Arbeit verantwortlich zu machen. Die Bruchflächen, welche man in
dieser Darstellung so reichlich finden wird, entsprechen ebensovielen Kontaktstellen, an denen
das Problem der Traumbildung in umfassendere Probleme der Psychopathologie eingreift, die
hier nicht behandelt werden konnten, und denen, wenn Zeit und Kraft ausreichen und weiteres
Material sich einstellt, spätere Bearbeitungen gewidmet werden sollen.
Eigentümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traumdeutung erläutere, haben mir auch diese
Veröffentlichung schwer gemacht. Es wird sich aus der Arbeit selbst ergeben, warum alle in der
Literatur erzählten oder von Unbekannten zu sammelnden Träume für meine Zwecke
unbrauchbar sein mußten; ich hatte nur die Wahl zwischen den eigenen Träumen und denen
meiner in psychoanalytischer Behandlung stehenden Patienten. Die Verwendung des letzteren
Materials wurde mir durch den Umstand verwehrt, daß hier die Traumvorgänge einer
unerwünschten Komplikation durch die Einmengung neurotischer Charaktere unterlagen. Mit der
Mitteilung meiner eigenen Träume aber erwies sich als untrennbar verbunden, daß ich von den
Intimitäten meines psychischen Lebens fremden Einblicken mehr eröffnete als mir lieb sein
konnte und als sonst einem Autor, der nicht Poet, sondern Naturforscher ist, zur Aufgabe fällt.
Das war peinlich, aber unvermeidlich; ich habe mich also darein gefügt, um nicht auf die
Beweisführung für meine psychologischen Ergebnisse überhaupt verzichten zu müssen. Natürlich
habe ich doch der Versuchung nicht widerstehen können, durch Auslassungen und Ersetzungen
manchen Indiskretionen die Spitze abzubrechen; so oft dies geschah, gereichte es dem Werte der
von mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten Nachteile. Ich kann nur die Erwartung
aussprechen, daß die Leser dieser Arbeit sich in meine schwierige Lage versetzen werden, um
Nachsicht mit mir zu üben, und ferner daß alle Personen, die sich in den mitgeteilten Träumen
irgendwie betroffen finden, wenigstens dem Traumleben Gedankenfreiheit nicht werden versagen
wollen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin