Seite - 378 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Vorwort zur zweiten Auflage.
Daß von diesem schwer lesbaren Buche noch vor Vollendung des ersten Jahrzehntes eine zweite
Auflage notwendig geworden ist, verdanke ich nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich
mich in den vorstehenden Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der Psychiatrie scheinen
sich keine Mühe gegeben zu haben, über das anfängliche Befremden hinauszukommen, welches
meine neuartige Auffassung des Traumes erwecken konnte, und die Philosophen von Beruf, die
nun einmal gewöhnt sind, die Probleme des Traumlebens als Anhang zu den
Bewußtseinszuständen mit einigen – meist den nämlichen – Sätzen abzuhandeln, haben offenbar
nicht bemerkt, daß man gerade an diesem Ende allerlei hervorziehen könne, was zu einer
gründlichen Umgestaltung unserer psychologischen Lehren führen muß. Das Verhalten der
wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur zur Erwartung berechtigen, daß
Totgeschwiegenwerden das Schicksal dieses meines Werkes sein müsse; auch die kleine Schar
von wackeren Anhängern, die meiner Führung in der ärztlichen Handhabung der Psychoanalyse
folgen und nach meinem Beispiel Träume deuten, um diese Deutungen in der Behandlung von
Neurotikern zu verwerten, hätte die erste Auflage des Buches nicht erschöpft. So fühle ich mich
denn jenem weiteren Kreise von Gebildeten und Wißbegierigen verpflichtet, deren Teilnahme
mir die Aufforderung verschafft hat, die schwierige und für so vieles grundlegende Arbeit nach
neun Jahren von neuem vorzunehmen.
Ich freue mich, sagen zu können, daß ich wenig zu verändern fand. Ich habe hie und da neues
Material eingeschaltet, aus meiner vermehrten Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an
einigen wenigen Punkten Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über den Traum und seine
Deutung sowie über die daraus ableitbaren psychologischen Lehrsätze ist aber ungeändert
geblieben; es hat, wenigstens subjektiv, die Probe der Zeit bestanden. Wer meine anderen
Arbeiten (über Ätiologie und Mechanismus der Psychoneurosen) kennt, weiß, daß ich niemals
Unfertiges für fertig ausgegeben und mich stets bemüht habe, meine Aussagen nach meinen
fortschreitenden Einsichten abzuändern; auf dem Gebiete des Traumlebens durfte ich bei meinen
ersten Mitteilungen stehen bleiben. In den langen Jahren meiner Arbeit an den
Neurosenproblemen bin ich wiederholt ins Schwanken geraten und an manchem irre geworden;
dann war es immer wieder die »Traumdeutung«, an der ich meine Sicherheit wiederfand. Meine
zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigen also einen sicheren Instinkt, wenn sie mir gerade
auf das Gebiet der Traumforschung nicht folgen wollen.
Auch das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch die Ereignisse entwerteten oder
überholten eigenen Träume, an denen ich die Regeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies bei
der Revision ein Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen widersetzte. Für mich
hat dieses Buch nämlich noch eine andere subjektive Bedeutung, die ich erst nach seiner
Beendigung verstehen konnte. Es erwies sich mir als ein Stück meiner Selbstanalyse, als meine
Reaktion auf den Tod meines Vaters, also auf das bedeutsamste Ereignis, den einschneidendsten
Verlust im Leben eines Mannes. Nachdem ich dies erkannt hatte, fühlte ich mich unfähig, die
Spuren dieser Einwirkung zu verwischen. Für den Leser mag es aber gleichgültig sein, an
welchem Material er Träume würdigen und deuten lernt.
Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten Zusammenhang einfügen konnte, habe
ich ihre Herkunft von der zweiten Bearbeitung durch eckige Klammern angedeutet.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin