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I Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme
Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen, daß es eine psychologische
Technik gibt, welche gestattet, Träume zu deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens
jeder Traum sich als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an angebbarer
Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen ist. Ich werde ferner versuchen, die
Vorgänge klarzulegen, von denen die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes herrührt,
und aus ihnen einen Rückschluß auf die Natur der psychischen Kräfte ziehen, aus deren
Zusammen- oder Gegeneinanderwirken der Traum hervorgeht. So weit gelangt, wird meine
Darstellung abbrechen, denn sie wird den Punkt erreicht haben, wo das Problem des Träumens in
umfassendere Probleme einmündet, deren Lösung an anderem Material in Angriff genommen
werden muß.
Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie über den gegenwärtigen Stand der
Traumprobleme in der Wissenschaft stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht
häufig Anlaß haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissenschaftliche Verständnis des
Traumes ist nämlich trotz mehrtausendjähriger Bemühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird
von den Autoren so allgemein zugegeben, daß es überflüssig scheint, einzelne Stimmen
anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis ich zum Schlusse meiner Arbeit anfüge, finden
sich viele anregende Bemerkungen und reichlich interessantes Material zu unserem Thema, aber
nichts oder wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder eines seiner Rätsel endgültig löste.
Noch weniger ist natürlich in das Wissen der gebildeten Laien übergegangen.
Welche Auffassung der Traum in den Urzeiten der Menschheit bei den primitiven Völkern
gefunden und welchen Einfluß er auf die Bildung ihrer Anschauungen von der Welt und von der
Seele genommen haben mag, das ist ein Thema von so hohem Interesse, daß ich es nur ungern
von der Bearbeitung in diesem Zusammenhange ausschließe. Ich verweise auf die bekannten
Werke von Sir J. Lubbock, H. Spencer, E. B. Tylor u. a. und füge nur hinzu, daß uns die
Tragweite dieser Probleme und Spekulationen erst begreiflich werden kann, nachdem wir die uns
vorschwebende Aufgabe der »Traumdeutung« erledigt haben. Ein Nachklang der urzeitlichen
Auffassung des Traumes liegt offenbar der Traumschätzung bei den Völkern des klassischen
Altertums zugrunde[2]. Es war bei ihnen Voraussetzung, daß die Träume mit der Welt
übermenschlicher Wesen, an die sie glaubten, in Beziehung stünden und Offenbarungen von
Seiten der Götter und Dämonen brächten. Ferner drängte sich ihnen auf, daß die Träume eine für
den Träumer bedeutsame Absicht hätten, in der Regel, ihm die Zukunft zu verkünden. Die
außerordentliche Verschiedenheit in dem Inhalt und dem Eindruck der Träume machte es
allerdings schwierig, eine einheitliche Auffassung derselben durchzuführen, und nötigte zu
mannigfachen Unterscheidungen und Gruppenbildungen der Träume, je nach ihrem Wert und
ihrer Zuverlässigkeit. Bei den einzelnen Philosophen des Altertums war die Beurteilung des
Traumes natürlich nicht unabhängig von der Stellung, die sie der Mantik überhaupt einzuräumen
bereit waren. In den beiden den Traum behandelnden Schriften des Aristoteles ist der Traum
bereits Objekt der Psychologie geworden. Wir hören, der Traum sei nicht gottgesandt, nicht
göttlicher Natur, wohl aber dämonischer, da ja die Natur dämonisch, nicht göttlich ist, d. h. der
Traum entstammt keiner übernatürlichen Offenbarung, sondern folgt aus den Gesetzen des
allerdings mit der Gottheit verwandten menschlichen Geistes. Der Traum wird definiert als die
Seelentätigkeit des Schlafenden, insofern er schläft.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin