Seite - 383 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Aristoteles kennt einige der Charaktere des Traumlebens, z. B. daß der Traum kleine, während
des Schlafes eintretende Reize ins Große umdeutet (»man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und
heiß zu werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder jenes Gliedes
stattfindet«), und zieht aus diesem Verhalten den Schluß, daß die Träume sehr wohl die ersten bei
Tag nicht bemerkten Anzeichen einer beginnenden Veränderung im Körper dem Arzt verraten
könnten[3].
Die Alten vor Aristoteles haben den Traum bekanntlich nicht für ein Erzeugnis der träumenden
Seele gehalten, sondern für eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen
Strömungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jederzeit vorhanden auffinden
werden, machten sich bereits bei ihnen geltend. Man unterschied wahrhafte und wertvolle
Träume, dem Schläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu verkünden, von eiteln,
trügerischen und nichtigen, deren Absicht es war, ihn in die Irre zu führen oder ins Verderben zu
stürzen.
Gruppe (1906, Bd. 2, 930) gibt eine solche Einteilung der Träume nach Makrobius und
Artemidoros wieder: »Man teilte die Träume in zwei Klassen. Die eine sollte nur durch die
Gegenwart (oder Vergangenheit) beeinflußt, für die Zukunft aber bedeutungslos sein; sie umfaßte
die ενὺπνια, insomnia, die unmittelbar die gegebene Vorstellung oder ihr Gegenteil wiedergeben,
z. B. den Hunger oder dessen Stillung, und die φαντάσματα, welche die gegebene Vorstellung
phantastisch erweitern, wie z. B. der Alpdruck, ephialtes. Die andere Klasse dagegen galt als
bestimmend für die Zukunft; zu ihr gehören: 1) die direkte Weissagung, die man im Traume
empfängt (χρηματισμός, oraculum), 2) das Voraussagen eines bevorstehenden Ereignisses
(όραμα, visio), 3) der symbolische, der Auslegung bedürftige Traum (όνειρος, somnium). Diese
Theorie hat sich viele Jahrhunderte hindurch erhalten.«
Mit dieser wechselnden Einschätzung der Träume stand die Aufgabe einer »Traumdeutung« im
Zusammenhange. Da man von den Träumen im allgemeinen wichtige Aufschlüsse erwartete,
aber nicht alle Träume unmittelbar verstand und nicht wissen konnte, ob nicht ein bestimmter
unverständlicher Traum doch Bedeutsames ankündigte, war der Anstoß zu einer Bemühung
gegeben, welche den unverständlichen Inhalt des Traums durch einen einsichtlichen und dabei
bedeutungsvollen ersetzen konnte. Als die größte Autorität in der Traumdeutung galt im späteren
Altertum Artemidoros aus Daldis, dessen ausführliches Werk uns für die verloren gegangenen
Schriften des nämlichen Inhaltes entschädigen muß[4].
Die vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand sicherlich im vollsten Einklange mit
ihrer gesamten Weltanschauung, welche als Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was
nur innerhalb des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem Haupteindruck Rechnung,
welchen das Wachleben durch die am Morgen übrigbleibende Erinnerung von dem Traum
empfängt, denn in dieser Erinnerung stellt sich der Traum als etwas Fremdes, das gleichsam aus
einer anderen Welt herrührt, dem übrigen psychischen Inhalte entgegen. Es wäre übrigens irrig zu
meinen, daß die Lehre von der übernatürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der
Anhänger entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schriftstellern abgesehen – die ja
recht daran tun, die Reste des ehemals ausgedehnten Gebietes des Übernatürlichen besetzt zu
halten, solange sie nicht durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind –, trifft man doch
auch auf scharfsinnige und allem Abenteuerlichen abgeneigte Männer, die ihren religiösen
Glauben an die Existenz und an das Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf die
Unerklärbarkeit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haffner, 1887). Die
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin