Seite - 384 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Wertschätzung des Traumlebens von Seiten mancher Philosophenschulen, z. B. der
Schellingianer, ist ein deutlicher Nachklang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des
Traumes, und auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft des Traumes ist die
Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psychologischen Erklärungsversuche zur Bewältigung
des angesammelten Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien eines
jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart ergeben hat, zur Abweisung einer solchen
Behauptung hinneigen mögen.
Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der Traumprobleme zu schreiben ist
darum so schwer, weil in dieser Erkenntnis, so wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein
mag, ein Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es ist nicht zur Bildung
eines Unterbaus von gesicherten Resultaten gekommen, auf dem dann ein nächstfolgender
Forscher weitergebaut hätte, sondern jeder neue Autor faßt die nämlichen Probleme von neuem
und wie vom Ursprung her wieder an. Wollte ich mich an die Zeitfolge der Autoren halten und
von jedem einzelnen im Auszug berichten, welche Ansichten über die Traumprobleme er
geäußert, so müßte ich darauf verzichten, ein übersichtliches Gesamtbild vom gegenwärtigen
Stande der Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe es darum vorgezogen, die Darstellung an die
Themata anstatt an die Autoren anzuknüpfen, und werde bei jedem der Traumprobleme anführen,
was an Material zur Lösung desselben in der Literatur niedergelegt ist.
Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr verstreute und auf anderes übergreifende
Literatur des Gegenstands zu bewältigen, so muß ich meine Leser bitten, sich zu bescheiden,
wenn nur keine grundlegende Tatsache und kein bedeutsamer Gesichtspunkt in meiner
Darstellung verlorengegangen ist.
Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt gesehen, Schlaf und Traum in dem
nämlichen Zusammenhang abzuhandeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände,
welche in die Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vorkommnisse (wie der
Halluzinationen, Visionen usw.) anzuschließen. Dagegen zeigt sich in den jüngsten Arbeiten das
Bestreben, das Thema eingeschränkt zu halten und etwa eine einzelne Frage aus dem Gebiet des
Traumlebens zum Gegenstande zu nehmen. In dieser Veränderung möchte ich einen Ausdruck
der Überzeugung sehen, daß in so dunkeln Dingen Aufklärung und Übereinstimmung nur durch
eine Reihe von Detailuntersuchungen zu erzielen sein dürften. Nichts anderes als eine solche
Detailuntersuchung, und zwar speziell psychologischer Natur, kann ich hier bieten. Ich hatte
wenig Anlaß, mich mit dem Problem des Schlafs zu befassen, denn dies ist ein wesentlich
physiologisches Problem, wenngleich in der Charakteristik des Schlafzustands die Veränderung
der Funktionsbedingungen für den seelischen Apparat mit enthalten sein muß. Es bleibt also auch
die Literatur des Schlafs hier außer Betracht.
Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an sich führt zu den folgenden, zum
Teil ineinanderfließenden Fragestellungen:
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin