Seite - 386 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des Trauminhaltes vom Leben. Ich zitiere
nach Radestock (1879, 134): Als Xerxes vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem
seinem Entschluß durch guten Rat abgelenkt, durch Träume aber immer wieder dazu angefeuert
wurde, sagte schon der alte rationelle Traumdeuter der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, daß
die Traumbilder meist das enthielten, was der Mensch schon im Wachen denke.
Im Lehrgedicht des Lucretius, De verum natura, findet sich (IV, 962) die Stelle:
»Et quo quisque fere studio devinetus adhaeret,
aut quibus in rebus multum sumus ante morati
atque in ea ratione fuit contenta magis mens,
in somnis eadem plerumque videmur obire;
causidici causas agere et componere leges,
induperatores pugnare ac proelia obire, … etc. etc.«
Cicero (De divinatione II, lxvii, 140) sagt ganz ähnlich, wie so viel später Maury: »Maximeque
reliquiae earum rerum moventur in animis et agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut
egimus.«
Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung von Traumleben und Wachleben
scheint in der Tat unauflösbar. Es ist darum am Platze, der Darstellung von F. W. Hildebrandt
(1875, 8 ff.) zu gedenken, welcher meint, die Eigentümlichkeiten des Traums ließen sich
überhaupt nicht anders beschreiben als durch eine »Reihe von Gegensätzen, welche scheinbar bis
zu Widersprüchen sich zuspitzen«. »Den ersten dieser Gegensätze bilden einerseits die strenge
Abgeschiedenheit oder Abgeschlossenheit des Traumes von dem wirklichen und wahren Leben,
und anderseits das stete Hinübergreifen des einen in das andere, die stete Abhängigkeit des einen
von dem andern. – Der Traum ist etwas von der wachend erlebten Wirklichkeit durchaus
Gesondertes, man möchte sagen, ein in sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein, von dem
wirklichen Leben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft. Er macht uns von der Wirklichkeit
los, löscht die normale Erinnerung an dieselbe in uns aus und stellt uns in eine andere Welt und in
eine ganz andere Lebensgeschichte, die im Grunde nichts mit der wirklichen zu schaffen hat…«
Hildebrandt führt dann aus, wie mit dem Einschlafen unser ganzes Sein mit seinen
Existenzformen »wie hinter einer unsichtbaren Falltür« verschwindet. Man macht dann etwa im
Traum eine Seereise nach St. Helena, um dem dort gefangenen Napoleon etwas Vorzügliches in
Moselweinen anzubieten. Man wird von dem Exkaiser aufs liebenswürdigste empfangen und
bedauert fast, die interessante Illusion durch das Erwachen gestört zu sehen. Nun aber vergleicht
man die Traumsituation mit der Wirklichkeit. Man war nie Weinhändler und hat’s auch nie
werden wollen. Man hat nie eine Seereise gemacht und würde St. Helena am wenigsten zum Ziel
einer solchen nehmen. Gegen Napoleon hegt man durchaus keine sympathische Gesinnung,
sondern einen grimmigen patriotischen Haß. Und zu alledem war der Träumer überhaupt noch
nicht unter den Lebenden, als Napoleon auf der Insel starb; eine persönliche Beziehung zu ihm zu
knüpfen lag außerhalb des Bereiches der Möglichkeit. So erscheint das Traumerlebnis als etwas
eingeschobenes Fremdes zwischen zwei vollkommen zueinander passenden und einander
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin