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Das Traummaterial – Das Gedächtnis im Traum
Daß alles Material, das den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgendeine Weise vom Erlebten
abstammt, also im Traum reproduziert, erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene
Erkenntnis gelten. Doch wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß ein solcher Zusammenhang des
Trauminhaltes mit dem Wachleben sich mühelos als augenfälliges Ergebnis der angestellten
Vergleichung ergeben muß. Derselbe muß vielmehr aufmerksam gesucht werden und weiß sich
in einer ganzen Reihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der Grund hiefür liegt in einer
Anzahl von Eigentümlichkeiten, welche die Erinnerungsfähigkeit im Traume zeigt und die,
obwohl allgemein bemerkt, sich doch bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird der Mühe
lohnen, diese Charaktere eingehend zu würdigen.
Es kommt zunächst vor, daß im Trauminhalt ein Material auftritt, welches man dann im Wachen
nicht als zu seinem Wissen und Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, daß man das
Betreffende geträumt, aber erinnert nicht, daß und wann man es erlebt hat. Man bleibt dann im
unklaren darüber, aus welcher Quelle der Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht, an eine
selbständig produzierende Tätigkeit des Traumes zu glauben, bis oft nach langer Zeit ein neues
Erlebnis die verloren gegebene Erinnerung an das frühere Erlebnis wiederbringt und damit die
Traumquelle aufdeckt. Man muß dann zugestehen, daß man im Traum etwas gewußt und erinnert
hatte, was der Erinnerungsfähigkeit im Wachen entzogen war[5].
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt Delboeuf aus seiner eigenen
Traumerfahrung. Er sah im Traum den Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei
kleine Eidechsen halb erstarrt und unter dem Schnee begraben, die er als Tierfreund aufnahm,
erwärmte und in die für sie bestimmte kleine Höhle im Gemäuer zurückbrachte. Außerdem
steckte er ihnen einige Blätter von einem kleinen Farnkraut zu, das auf der Mauer wuchs und das
sie, wie er wußte, sehr liebten. Im Traum kannte er den Namen der Pflanze: Asplenium ruta
muralis. – Der Traum ging dann weiter, kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück
und zeigte Delboeuf zu seinem Erstaunen zwei neue Tierchen, die sich über die Reste des Farns
hergemacht hatten. Dann wandte er den Blick aufs freie Feld, sah eine fünfte, eine sechste
Eidechse den Weg zu dem Loch in der Mauer nehmen, und endlich war die ganze Straße bedeckt
von einer Prozession von Eidechsen, die alle in derselben Richtung wanderten usw.
Delboeufs Wissen umfaßte im Wachen nur wenige lateinische Pflanzennamen und schloß die
Kenntnis eines Asplenium nicht ein. Zu seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen, daß
ein Farn dieses Namens wirklich existiert. Asplenium ruta muraria war seine richtige
Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt hatte. An ein zufälliges Zusammentreffen konnte
man wohl nicht denken; es blieb aber für Delboeuf rätselhaft, woher er im Traume die Kenntnis
des Namens Asplenium genommen hatte.
Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre später erblickt der Philosoph bei
einem seiner Freunde, den er besucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie sie als
Erinnerungsgaben in manchen Gegenden der Schweiz an die Fremden verkauft werden. Eine
Erinnerung steigt in ihm auf, er öffnet das Herbarium, findet in demselben das Asplenium seines
Traumes und erkennt seine eigene Handschrift in dem beigefügten lateinischen Namen. Nun ließ
sich der Zusammenhang herstellen. Eine Schwester dieses Freundes hatte im Jahre 1860 – zwei
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin