Seite - 391 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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fernster Zeit treu vor die Seele zurückführt.«
Strümpell (1877, 40): »Die Sache steigert sich noch mehr, wenn man bemerkt, wie der Traum
mitunter gleichsam aus den tiefsten und massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit
auf die frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner Lokalitäten, Dinge, Personen
ganz unversehrt und mit ursprünglicher Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht
bloß auf solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewußtsein gewonnen oder sich
mit starken psychischen Werten verbunden haben und nun später im Traum als eigentliche
Erinnerungen wiederkehren, an denen das erwachte Bewußtsein sich erfreut. Die Tiefe des
Traumgedächtnisses umfaßt vielmehr auch solche Bilder von Personen, Dingen, Lokalitäten und
Erlebnissen der frühesten Zeit, die entweder nur ein geringes Bewußtsein oder keinen
psychischen Wert besaßen oder längst das eine wie das andere verloren hatten und deshalb auch
sowohl im Traum wie nach dem Erwachen als gänzlich fremd und unbekannt erscheinen, bis ihr
früher Ursprung entdeckt wird.«
Volkelt (1875, 119): »Besonders bemerkenswert ist es, wie gern Kindheits- und
Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran wir längst nicht mehr denken, was längst für
uns alle Wichtigkeit verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich.«
Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches bekanntlich zum größten Teil in
die Lücken der bewußten Erinnerungsfähigkeit fällt, gibt Anlaß zur Entstehung von interessanten
hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum einige Beispiele mitteilen will.
Maury erzählt (1878, 92), daß er von seiner Vaterstadt Meaux als Kind häufig nach dem nahe
gelegenen Trilport gekommen war, wo sein Vater den Bau einer Brücke leitete. In einer Nacht
versetzt ihn der Traum nach Trilport und läßt ihn wieder in den Straßen der Stadt spielen. Ein
Mann nähert sich ihm, der eine Art Uniform trägt. Maury fragt ihn nach seinem Namen; er stellt
sich vor, er heiße C… und sei Brückenwächter. Nach dem Erwachen fragt der an der
Wirklichkeit der Erinnerung noch zweifelnde Maury eine alte Dienerin, die seit der Kindheit bei
ihm ist, ob sie sich an einen Mann dieses Namens erinnern kann. »Gewiß«, lautet die Antwort,
»er war der Wächter der Brücke, die Ihr Vater damals gebaut hat.«
Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im Traume auftretenden
Kindheitserinnerung berichtet Maury von einem Herrn F…, der als Kind in Montbrison
aufgewachsen war. Dieser Mann beschloß, fünfundzwanzig Jahre nach seinem Weggang, die
Heimat und alte, seither nicht gesehene Freunde der Familie wieder zu besuchen. In der Nacht
vor seiner Abreise träumt er, daß er am Ziele ist und in der Nähe von Montbrison einem ihm vom
Ansehen unbekannten Herrn begegnet, der ihm sagt, er sei der Herr T., ein Freund seines Vaters.
Der Träumer wußte, daß er einen Herrn dieses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich aber
im Wachen nicht mehr an sein Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in Montbrison
angelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Lokalität des Traumes wieder und begegnet
einem Herrn, den er sofort als den T. des Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur stärker
gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte.
Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu erinnernde Eindruck durch eine
Beziehung ersetzt ist. Ich sah in einem Traum eine Person, von der ich im Traum wußte, es sei
der Arzt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich, sie vermengte sich aber mit
der Vorstellung eines meiner Gymnasiallehrer, den ich noch heute gelegentlich treffe. Welche
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin