Seite - 398 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Garnier (1872) bei Radestock berichtet, daß Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine
aus einem Traum geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte und der ihn den Übergang
über den Tagliamento und die Kanonade der Österreicher wieder erleben ließ, bis er mit dem
Ausruf aufschreckte: »Wir sind unterminiert.«
Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury erlebt hat (1878, 161). Er war leidend und lag
in seinem Zimmer zu Bett; seine Mutter saß neben ihm. Er träumte nun von der
Schreckensherrschaft zur Zeit der Revolution, machte greuliche Mordszenen mit und wurde dann
endlich selbst vor den Gerichtshof zitiert. Dort sah er Robespierre, Marat, Fouquier-Tinville und
alle die traurigen Helden jener gräßlichen Epoche, stand ihnen Rede, wurde nach allerlei
Zwischenfällen, die sich in seiner Erinnerung nicht fixierten, verurteilt und dann, von einer
unübersehbaren Menge begleitet, auf den Richtplatz geführt. Er steigt aufs Schafott, der
Scharfrichter bindet ihn aufs Brett; es kippt um; das Messer der Guillotine fällt herab; er fühlt,
wie sein Haupt vom Rumpf getrennt wird, wacht in der entsetzlichsten Angst auf – und findet,
daß der Bettaufsatz herabgefallen war und seine Halswirbel, wirklich ähnlich wie das Messer der
Guillotine, getroffen hatte.
An diesen Traum knüpft sich eine interessante, von Le Lorrain (1894) und Egger (1895) in der
Revue philosophique eingeleitete Diskussion, ob und wie es dem Träumer möglich werde, in dem
kurzen Zeitraum, der zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und dem Erwachen
verstreicht, eine anscheinend so überaus reiche Fülle von Trauminhalt zusammenzudrängen.
Beispiele dieser Art lassen die objektiven Sinnesreizungen während des Schlafes als die am
besten sichergestellte unter den Traumquellen erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des
Laien einzig und allein eine Rolle spielt. Fragt man einen Gebildeten, der sonst der
Traumliteratur fremd geblieben ist, wie die Träume zustande kommen, so wird er zweifellos mit
der Berufung auf einen ihm bekanntgewordenen Fall antworten, in dem ein Traum durch einen
nach dem Erwachen erkannten objektiven Sinnesreiz aufgeklärt wurde. Die wissenschaftliche
Betrachtung kann dabei nicht haltmachen; sie schöpft den Anlaß zu weiteren Fragen aus der
Beobachtung, daß der während des Schlafes auf die Sinne einwirkende Reiz im Traume ja nicht
in seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern durch irgendeine andere Vorstellung vertreten wird,
die in irgendwelcher Beziehung zu ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traumreiz und den
Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten Maurys »une affinité quelconque, mais qui n’est pas
unique et exclusive« (1853, 72). Man höre z. B. drei der Weckerträume Hildebrandts (1875,
37 f.); man wird sich dann die Frage vorzulegen haben, warum derselbe Reiz so verschiedene und
warum er gerade diese Traumerfolge hervorrief:
»Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren und schlendre durch die grünenden Felder
weiter bis zu einem benachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern, das
Gesangbuch unter dem Arm, zahlreich der Kirche zuwandern. Richtig! Es ist ja Sonntag, und der
Frühgottesdienst wird bald beginnen. Ich beschließe, an diesem teilzunehmen, zuvor aber, weil
ich etwas echauffiert bin, auf dem die Kirche umgebenden Friedhofe mich abzukühlen. Während
ich hier verschiedene Grabschriften lese, höre ich den Glöckner den Turm hinansteigen und sehe
nun in der Höhe des letzteren die kleine Dorfglocke, die das Zeichen zum Beginn der Andacht
geben wird. Noch eine ganze Weile hängt sie bewegungslos da, dann fängt sie an zu schwingen –
und plötzlich ertönen ihre Schläge hell und durchdringend – so hell und durchdringend, daß sie
meinem Schlaf ein Ende machen. Die Glockentöne aber kommen von dem Wecker.«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin