Seite - 401 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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zugewendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre Identität mit den Traumbildern (wie
übrigens schon Joh. Müller) behauptet. Für ihre Entstehung, sagt Maury, ist eine gewisse
seelische Passivität, ein Nachlaß der Aufmerksamkeitsspannung erforderlich (1878, 59
f.). Es
genügt aber, daß man auf eine Sekunde in solche Lethargie verfalle, um bei sonstiger Disposition
eine hypnagogische Halluzination zu sehen, nach der man vielleicht wieder aufwacht, bis das sich
mehrmals wiederholende Spiel mit dem Einschlafen endigt. Erwacht man dann nach nicht zu
langer Zeit, so gelingt es nach Maury häufig, im Traum dieselben Bilder nachzuweisen, die
einem als hypnagogische Halluzinationen vor dem Einschlafen vorgeschwebt haben (ibid.,
134 f.). So erging es Maury einmal mit einer Reihe von grotesken Gestalten mit verzerrten
Mienen und sonderbaren Frisuren, die ihn mit unglaublicher Aufdringlichkeit in der Periode des
Einschlafens belästigten und von denen er nach dem Erwachen sich erinnerte geträumt zu haben.
Ein andermal, als er gerade an Hungergefühl litt, weil er sich schmale Diät auferlegt hatte, sah er
hypnagogisch eine Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete Hand, die sich etwas von der
Speise in der Schüssel holte. Im Traume befand er sich an einer reichgedeckten Tafel und hörte
das Geräusch, das die Speisenden mit ihren Gabeln machten. Ein andermal, als er mit gereizten
und schmerzenden Augen einschlief, hatte er die hypnagogische Halluzination von
mikroskopisch kleinen Zeichen, die er mit großer Anstrengung einzeln entziffern mußte; nach
einer Stunde aus dem Schlafe geweckt, erinnerte er sich an einen Traum, in dem ein
aufgeschlagenes Buch, mit sehr kleinen Lettern gedruckt, vorkam, welches er mühselig hatte
durchlesen müssen.
Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshalluzinationen von Worten, Namen usw.
hypnagogisch auftreten und dann im Traum sich wiederholen, als Ouvertüre gleichsam, welche
die Leitmotive der mit ihr beginnenden Oper ankündigt.
Auf den nämlichen Wegen wie Joh. Müller und Maury wandelt ein neuerer Beobachter der
hypnagogischen Halluzinationen, G. Trumbull Ladd (1892). Er brachte es durch Übung dahin,
daß er sich zwei bis fünf Minuten nach dem allmählichen Einschlafen jäh aus dem Schlaf reißen
konnte, ohne die Augen zu öffnen, und hatte dann die Gelegenheit, die eben entschwindenden
Netzhautempfindungen mit den in der Erinnerung überlebenden Traumbildern zu vergleichen. Er
versichert, daß sich jedesmal eine innige Beziehung zwischen beiden erkennen ließ in der Weise,
daß die leuchtenden Punkte und Linien des Eigenlichts der Netzhaut gleichsam die
Umrißzeichnung, das Schema für die psychisch wahrgenommenen Traumgestalten brachten.
Einem Traum z. B., in welchem er deutlich gedruckte Zeilen vor sich sah, die er las und studierte,
entsprach eine Anordnung der leuchtenden Punkte in der Netzhaut in parallelen Linien. Um es
mit seinen Worten zu sagen: Die klar bedruckte Seite, die er im Traum gelesen, löste sich in ein
Objekt auf, das seiner wachen Wahrnehmung erschien wie ein Stück eines reellen bedruckten
Blattes, das man aus allzu großer Entfernung, um etwas deutlich auszunehmen, durch ein
Löchelchen in einem Stück Papier ansieht. Ladd meint, ohne übrigens den zentralen Anteil des
Phänomens zu unterschätzen, daß kaum ein visueller Traum in uns abläuft, der sich nicht an das
Material der inneren Erregungszustände der Netzhaut anlehnte. Besonders gilt dies für die
Träume kurz nach dem Einschlafen im dunkeln Zimmer, während für die Träume am Morgen
nahe dem Erwachen das objektive, im erhellten Zimmer ins Auge dringende Licht die Reizquelle
abgebe. Der wechselvolle, unendlich abänderungsfähige Charakter der Eigenlichterregung
entspricht genau der unruhigen Bilderflucht, die unsere Träume uns vorführen. Wenn man den
Beobachtungen von Ladd Bedeutung beimißt, wird man die Ergiebigkeit dieser subjektiven
Reizquelle für den Traum nicht gering anschlagen können, denn Gesichtsbilder machen
bekanntlich den Hauptbestandteil unserer Träume aus. Der Beitrag von anderen Sinnesgebieten
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin