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organisch bedingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle des Organismus
denken, welche nicht der Ausgangspunkt eines Traumes oder Wahnbildes werden könne. Die
organisch bedingte Empfindung »läßt sich aber in zwei Reihen trennen: 1) in die der
Totalstimmungen (Gemeingefühle), 2) in die spezifischen, den Hauptsystemen des vegetativen
Organismus immanenten Sensationen, wovon wir fünf Gruppen unterschieden haben, a) die
Muskelempfindungen, b) die pneumatischen, c) die gastrischen, d) die sexuellen und e) die
peripherischen«.
Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leibreize nimmt Krauß folgendermaßen
an: Die geweckte Empfindung ruft nach irgendeinem Assoziationsgesetz eine ihr verwandte
Vorstellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen Gebilde, gegen welches sich
aber das Bewußtsein anders verhält als normal. Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine
Aufmerksamkeit, sondern wendet sie ganz den begleitenden Vorstellungen zu, was zugleich der
Grund ist, warum dieser Sachverhalt so lange verkannt werden konnte. Krauß findet für den
Vorgang auch den besonderen Ausdruck der Transsubstantiation der Empfindungen in
Traumbilder.
Der Einfluß der organischen Leibreize auf die Traumbildung wird heute nahezu allgemein
angenommen, die Frage nach dem Gesetz der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig,
oftmals mit dunkeln Auskünften, beantwortet. Es ergibt sich nun auf dem Boden der
Leibreiztheorie die besondere Aufgabe der Traumdeutung, den Inhalt eines Traums auf die ihn
verursachenden organischen Reize zurückzuführen, und wenn man nicht die von Scherner (1861)
aufgefundenen Deutungsregeln anerkennt, steht man oft vor der mißlichen Tatsache, daß die
organische Reizquelle sich eben durch nichts anderes als durch den Inhalt des Traumes verrät.
Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschiedener Traumformen gestaltet, die
man als »typische« bezeichnet hat, weil sie bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt
wiederkehren. Es sind dies die bekannten Träume vom Herabfallen von einer Höhe, vom
Zahnausfallen, vom Fliegen und von der Verlegenheit, daß man nackt oder schlecht bekleidet ist.
Letzterer Traum soll einfach von der im Schlaf gemachten Wahrnehmung herrühren, daß man die
Bettdecke abgeworfen hat und nun entblößt daliegt. Der Traum vom Zahnausfallen wird auf
»Zahnreiz« zurückgeführt, womit aber nicht ein krankhafter Erregungszustand der Zähne gemeint
zu sein braucht. Der Traum zu fliegen ist nach Strümpell das von der Seele gebrauchte adäquate
Bild, womit sie das von den auf- und niedersteigenden Lungenflügeln ausgehende Reizquantum
deutet, wenn gleichzeitig das Hautgefühl des Thorax schon bis zur Bewußtlosigkeit
herabgesunken ist. Durch den letzteren Umstand wird die an die Vorstellungsform des
Schwebens gebundene Empfindung vermittelt. Das Herabfallen aus der Höhe soll darin seinen
Anlaß haben, daß bei eingetretener Bewußtlosigkeit des Hautdruckgefühls entweder ein Arm
vom Körper herabsinkt oder ein eingezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wodurch das Gefühl
des Hautdrucks wieder bewußt wird, der Übergang zum Bewußtwerden aber als Traum vom
Niederfallen sich psychisch verkörpert (Strümpell, ibid., 118). Die Schwäche dieser plausibeln
Erklärungsversuche liegt offenbar darin, daß sie ohne weiteren Anhalt die oder jene Gruppe von
Organempfindungen aus der seelischen Wahrnehmung verschwinden oder sich ihr aufdrängen
lassen, bis die für die Erklärung günstige Konstellation hergestellt ist. Ich werde übrigens später
Gelegenheit haben, auf die typischen Träume und ihre Entstehung zurückzukommen.
M. Simon hat versucht, aus der Vergleichung einer Reihe von ähnlichen Träumen einige Regeln
für den Einfluß der Organreize auf die Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagt (1888,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin