Seite - 405 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 405 -
Text der Seite - 405 -
34): Wenn im Schlaf irgendein Organapparat, der normalerweise am Ausdruck eines Affektes
beteiligt ist, durch irgendeinen anderen Anlaß sich in dem Erregungszustande befindet, in den er
sonst bei jenem Affekt versetzt wird, so wird der dabei entstehende Traum Vorstellungen
enthalten, die dem Affekt angepaßt sind.
Eine andere Regel lautet (ibid., 35): Wenn ein Organapparat sich im Schlafe in Tätigkeit,
Erregung oder Störung befindet, so wird der Traum Vorstellungen bringen, welche sich auf die
Ausübung der organischen Funktion beziehen, die jener Apparat versieht.
Mourly Vold (1896) hat es unternommen, den von der Leibreiztheorie supponierten Einfluß auf
die Traumerzeugung für ein einzelnes Gebiet experimentell zu erweisen. Er hat Versuche
gemacht, die Stellungen der Glieder des Schlafenden zu verändern, und die Traumerfolge mit
seinen Abänderungen verglichen. Er teilt folgende Sätze als Ergebnis mit.
1) Die Stellung eines Gliedes im Traum entspricht ungefähr der in der Wirklichkeit, d. h. man
träumt von einem statischen Zustand des Gliedes, welcher dem realen entspricht.
2) Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist diese immer so, daß eine der bei
ihrer Vollziehung vorkommenden Stellungen der wirklichen entspricht.
3) Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traum auch einer fremden Person zuschieben.
4) Man kann auch träumen, daß die betreffende Bewegung gehindert ist.
5) Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traum als Tier oder Ungeheuer erscheinen,
wobei eine gewisse Analogie beider hergestellt wird.
6) Die Stellung eines Gliedes kann im Traum Gedanken anregen, die zu diesem Glied irgendeine
Beziehung haben, so z.
B. träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen.
Ich würde aus solchen Ergebnissen schließen, daß auch die Leibreiztheorie die scheinbare
Freiheit in der Bestimmung der zu erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen
vermag[10].
Ad 4) Psychische Reizquellen
Als wir die Beziehungen des Traums zum Wachleben und die Herkunft des Traummaterials
behandelten, erfuhren wir, es sei die Ansicht der ältesten wie der neuesten Traumforscher, daß
die Menschen von dem träumen, was sie bei Tag treiben und was sie im Wachen interessiert.
Dieses aus dem Wachleben in den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht nur ein
psychisches Band, das den Traum ans Leben knüpft, sondern ergibt uns auch eine nicht zu
unterschätzende Traumquelle, die neben dem im Schlaf interessant Gewordenen – den während
des Schlafes einwirkenden Reizen – ausreichen sollte, die Herkunft aller Traumbilder
aufzuklären. Wir haben aber auch den Widerspruch gegen obige Behauptung gehört, nämlich daß
der Traum den Schläfer von den Interessen des Tages abzieht und daß wir – meistens – von den
Dingen, die uns bei Tag am meisten ergriffen haben, erst dann träumen, wenn sie für das
Wachleben den Reiz der Aktualität verloren haben. So erhalten wir in der Analyse des
Traumlebens bei jedem Schritt den Eindruck, daß es unstatthaft ist, allgemeine Regeln
aufzustellen, ohne durch ein »oft«, »in der Regel«, »meistens« Einschränkungen vorzusehen und
405
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin