Seite - 406 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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auf die Gültigkeit der Ausnahmen vorzubereiten.
Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äußeren Schlafreizen zur Deckung der
Traumätiologie ausreichte, so müßten wir imstande sein, von der Herkunft aller Elemente eines
Traums befriedigende Rechenschaft zu geben; das Rätsel der Traumquellen wäre gelöst, und es
bliebe noch die Aufgabe, den Anteil der psychischen und der somatischen Traumreize in den
einzelnen Träumen abzugrenzen. In Wirklichkeit ist diese vollständige Auflösung eines Traums
noch in keinem Falle gelungen, und jedem, der dies versucht hat, sind – meist sehr reichlich –
Traumbestandteile übriggeblieben, über deren Herkunft er keine Aussage machen konnte. Das
Tagesinteresse als psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so weit, als man nach den
zuversichtlichen Behauptungen, daß jeder im Traum sein Geschäft weiter betreibe, erwarten
sollte.
Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen also alle in der Literatur
vertretenen Traumerklärungen – mit Ausnahme etwa der später zu erwähnenden von Scherner –
eine große Lücke offen, wo es sich um die Ableitung des für den Traum am meisten
charakteristischen Materials von Vorstellungsbildern handelt. In dieser Verlegenheit hat die
Mehrzahl der Autoren die Neigung entwickelt, den psychischen Anteil an der Traumerregung,
dem so schwer beizukommen ist, möglichst zu verkleinern. Sie unterscheiden zwar als
Haupteinteilung den Nervenreiz- und den Assoziationstraum, welch letzterer ausschließlich in der
Reproduktion seine Quelle findet (Wundt, 1874, 657 f.), aber sie können den Zweifel nicht
loswerden, »ob sie sich ohne anstoßgebenden Leibreiz einstellen« (Volkelt, 1875, 127). Auch die
Charakteristik des reinen Assoziationstraumes versagt: »In den eigentlichen Assoziationsträumen
kann von einem solchen festen Kern nicht mehr die Rede sein. Hier dringt die lose Gruppierung
auch in den Mittelpunkt des Traumes ein. Das ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene
Vorstellungsleben ist hier auch von jenen gewichtvolleren Leib- und Seelenerregungen nicht
mehr zusammengehalten und so seinem eigenen bunten Schieben und Treiben, seinem eigenen
lockeren Durcheinandertaumeln überlassen.« (Volkelt, ibid., 118.) Eine Verkleinerung des
psychischen Anteils an der Traumerregung versucht dann Wundt (1874, 656–7), indem er
ausführt, daß man die »Phantasmen des Traumes wohl mit Unrecht als reine Halluzinationen
ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten Traumvorstellungen in Wirklichkeit Illusionen, indem
sie von den leisen Sinneseindrücken ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen.« Weygandt hat
sich diese Ansicht angeeignet und sie verallgemeinert (1893, 17). Er behauptet für alle
Traumvorstellungen, daß »ihre nächste Ursache Sinnesreize sind, daran erst schließen sich
reproduktive Assoziationen«. Noch weiter in der Verdrängung der psychischen Reizquellen geht
Tissié (1898, 183): »Les rêves d’origine absolument psychique n’existent pas«, und anderswo
(ibid., 6): »Les pensées de nos rêves nous viennent du dehors…«
Diejenigen Autoren, welche wie der einflußreiche Philosoph Wundt eine Mittelstellung
einnehmen, versäumen nicht anzumerken, daß in den meisten Träumen somatische Reize und die
unbekannten oder als Tagesinteresse erkannten psychischen Anreger des Traumes
zusammenwirken.
Wir werden später erfahren, daß das Rätsel der Traumbildung durch die Aufdeckung einer
unvermuteten psychischen Reizquelle gelöst werden kann. Vorläufig wollen wir uns über die
Überschätzung der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung nicht
verwundern. Nicht nur daß diese allein leicht aufzufinden und selbst durchs Experiment zu
bestätigen sind; es entspricht auch die somatische Auffassung der Traumentstehung durchwegs
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin