Seite - 407 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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der heute in der Psychiatrie herrschenden Denkrichtung. Die Herrschaft des Gehirns über den
Organismus wird zwar nachdrücklichst betont, aber alles, was eine Unabhängigkeit des
Seelenlebens von nachweisbaren organischen Veränderungen oder eine Spontaneität in dessen
Äußerungen erweisen könnte, schreckt den Psychiater heute so, als ob dessen Anerkennung die
Zeiten der Naturphilosophie und des metaphysischen Seelenwesens wiederbringen müßte. Das
Mißtrauen des Psychiaters hat die Psyche gleichsam unter Kuratel gesetzt und fordert nun, daß
keine ihrer Regungen ein ihr eigenes Vermögen verrate. Doch zeugt dies Benehmen von nichts
anderem als von einem geringen Zutrauen in die Haltbarkeit der Kausalverkettung, die sich
zwischen Leiblichem und Seelischem erstreckt. Selbst wo das Psychische sich bei der
Erforschung als der primäre Anlaß eines Phänomens erkennen läßt, wird ein tieferes Eindringen
die Fortsetzung des Weges bis zur organischen Begründung des Seelischen einmal zu finden
wissen. Wo aber das Psychische für unsere derzeitige Erkenntnis die Endstation bedeuten müßte,
da braucht es darum nicht geleugnet zu werden.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin