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Die psychologischen Besonderheiten des Traumes
Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes von der Annahme aus, daß der
Traum ein Ergebnis unserer eigenen Seelentätigkeit ist; doch erscheint uns der fertige Traum als
etwas Fremdes, zu dessen Urheberschaft zu bekennen es uns so wenig drängt, daß wir ebenso
gerne sagen: »Mir hat geträumt« wie: »Ich habe geträumt.« Woher rührt diese »Seelenfremdheit«
des Traumes? Nach unseren Erörterungen über die Traumquellen sollten wir meinen, sie sei nicht
durch das Material bedingt, das in den Trauminhalt gelangt; dies ist ja zum größten Teile dem
Traumleben wie dem Wachleben gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es nicht Abänderungen
der psychischen Vorgänge im Traume sind, welche diesen Eindruck hervorrufen, und kann so
eine psychologische Charakteristik des Traumes versuchen.
Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum- und Wachleben stärker betont und zu
weitgehenderen Schlüssen verwendet als G. Th. Fechner in einigen Bemerkungen seiner
Elemente der Psychophysik. (1889, Bd. 2, 520–1.) Er meint, »weder die einfache Herabdrückung
des bewußten Seelenlebens unter die Hauptschwelle« noch die Abziehung der Aufmerksamkeit
von den Einflüssen der Außenwelt genüge, um die Eigentümlichkeiten des Traumlebens dem
wachen Leben gegenüber aufzuklären. Er vermutet vielmehr, daß auch der Schauplatz der
Träume ein anderer ist als der des wachen Vorstellungslebens. »Sollte der Schauplatz der
psychophysischen Tätigkeit während des Schlafens und des Wachens derselbe sein, so könnte der
Traum meines Erachtens bloß eine auf einem niederen Grade der Intensität sich haltende
Fortsetzung des wachen Vorstellungslebens sein und müßte übrigens dessen Stoff und dessen
Form teilen. Aber es verhält sich ganz anders.«
Was Fechner mit einer solchen Umsiedlung der Seelentätigkeit meint, ist wohl nicht klar
geworden; auch hat kein anderer, soviel ich weiß, den Weg weiter verfolgt, dessen Spur er in
jener Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomische Deutung im Sinne der physiologischen
Gehirnlokalisation oder selbst mit Bezug auf die histologische Schichtung der Hirnrinde wird
man wohl auszuschließen haben. Vielleicht aber erweist sich der Gedanke einmal als sinnreich
und fruchtbar, wenn man ihn auf einen seelischen Apparat bezieht, der aus mehreren
hintereinander eingeschalteten Instanzen aufgebaut ist.
Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die andere der greifbaren
psychologischen Besonderheiten des Traumlebens hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkt
weiter reichender Erklärungsversuche zu machen.
Es ist mit Recht bemerkt worden, daß eine der Haupteigentümlichkeiten des Traumlebens schon
im Zustand des Einschlafens auftritt und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen ist.
Das Charakteristische des wachen Zustandes ist nach Schleiermacher (1862, 351), daß die
Denktätigkeit in Begriffen und nicht in Bildern vor sich geht. Nun denkt der Traum hauptsächlich
in Bildern, und man kann beobachten, daß mit der Annäherung an den Schlaf in demselben
Maße, in dem die gewollten Tätigkeiten sich erschwert zeigen, ungewollte Vorstellungen
hervortreten, die alle in die Klasse der Bilder gehören. Die Unfähigkeit zu solcher
Vorstellungsarbeit, die wir als absichtlich gewollte empfinden, und das mit dieser Zerstreuung
regelmäßig verknüpfte Hervortreten von Bildern, dies sind zwei Charaktere, die dem Traum
verbleiben und die wir bei der psychologischen Analyse desselben als wesentliche Charaktere des
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin