Seite - 415 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 415 -
Text der Seite - 415 -
Maury pflichtet dem bei; er sagt (1878, 163): »II n’y a pas de rêves absolument raisonnables et
qui ne contiennent quelque incohérence, quelque anachronisme, quelque absurdité.«
Nach Hegel bei Spina fehlt dem Traum aller objektive verständige Zusammenhang.
Dugas sagt: »Le rêve c’est l’anarchie psychique affective et mentale, c’est le jeu des fonctions
livrées à elles-mêmes et s’exercant sans contrôle et sans but; dans le rêve l’esprit est un
automate spirituel.«
»Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des im Wachen durch die logische
Gewalt des zentralen Ich zusammengehaltenen Vorstellungslebens« räumt selbst Volkelt ein
(1875, 14), nach dessen Lehre die psychische Tätigkeit während des Schlafes keineswegs
zwecklos erscheint.
Die Absurdität der im Traume vorkommenden Vorstellungsverbindungen kann man kaum
schärfer verurteilen, als es schon Cicero (De divinatione, II) tat: »Nihil tam praepostere, tam
incondite, tam monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare.«
Fechner sagt (1889, Bd. 2, 522): »Es ist, als ob die psychologische Tätigkeit aus dem Gehirne
eines Vernünftigen in das eines Narren übersiedelt.«
Radestock (1879, 145): »In der Tat scheint es unmöglich, in diesem tollen Treiben feste Gesetze
zu erkennen. Der strengen Polizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden
Willens und der Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der Traum in tollem Spiel alles
kaleidoskopartig durcheinander.«
Hildebrandt (1875, 45): »Welche wunderlichen Sprünge erlaubt sich der Träumende z. B. bei
seinen Verstandesschlüssen! Mit welcher Unbefangenheit sieht er die bekanntesten
Erfahrungssätze geradezu auf den Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche kann er in
den Ordnungen der Natur und der Gesellschaft vertragen, bevor ihm, wie man sagt, die Sache zu
bunt wird und die Überspannung des Unsinnes das Erwachen herbeiführt! Wir multiplizieren
gelegentlich ganz harmlos: Drei mal drei macht zwanzig; es wundert uns gar nicht, daß ein Hund
uns einen Vers hersagt, daß ein Toter auf eigenen Füßen nach seinem Grabe geht, daß ein
Felsstück auf dem Wasser schwimmt; wir gehen alles Ernstes in höherem Auftrage nach dem
Herzogtum Bernburg oder dem Fürstentum Liechtenstein, um die Kriegsmarine des Landes zu
beobachten, oder lassen uns von Karl dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als
Freiwillige anwerben.«
Binz (1878, 33) mit dem Hinweis auf die aus diesen Eindrücken sich ergebende Traumtheorie:
»Unter zehn Träumen sind mindestens neun absurden Inhaltes. Wir koppeln in ihnen Personen
und Dinge zusammen, welche nicht die geringsten Beziehungen zueinander haben. Schon im
nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop, ist die Gruppierung eine andere geworden,
womöglich noch unsinniger und toller, als sie es schon vorher war; und so geht das wechselnde
Spiel des unvollkommen schlafenden Gehirns weiter, bis wir erwachen, mit der Hand nach der
Stirne greifen und uns fragen, ob wir in der Tat noch die Fähigkeit des vernünftigen Vorstellens
und Denkens besitzen.«
Maury (1878, 50) findet für das Verhältnis der Traumbilder zu den Gedanken des Wachens einen
für den Arzt sehr eindrucksvollen Vergleich: »La production de ces images que chez l’homme
415
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin