Seite - 419 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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die Endpunkte dieser Reihe zusammen (1875, 19 f.): »Es ist der zwischen einer Steigerung, einer
nicht selten bis zur Virtuosität sich erhebenden Potenzierung, und anderseits einer entschiedenen,
oft bis unter das Niveau des Menschlichen führenden Herabminderung und Schwächung des
Seelenlebens.«
»Was das erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Erfahrung bestätigen, daß in dem Schaffen
und Weben des Traumgenius bisweilen eine Tiefe und Innigkeit des Gemütes, eine Zartheit der
Empfindung, eine Klarheit der Anschauung, eine Feinheit der Beobachtung, eine Schlagfertigkeit
des Witzes zutage tritt, wie wir solches alles als konstantes Eigentum während des wachen
Lebens zu besitzen bescheidentlich in Abrede stellen würden? Der Traum hat eine wunderbare
Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unvergleichlichen Humor, eine köstliche Ironie. Er
schauet die Welt in einem eigentümlich idealisierenden Lichte und potenziert den Effekt ihrer
Erscheinungen oft im sinnigsten Verständnisse des ihnen zum Grunde liegenden Wesens. Er stellt
uns das irdisch Schöne in wahrhaft himmlischem Glanze, das Erhabene in höchster Majestät, das
erfahrungsgemäß Furchtbare in der grauenvollsten Gestalt, das Lächerliche mit unbeschreiblich
drastischer Komik vor Augen; und bisweilen sind wir nach dem Erwachen irgendeines dieser
Eindrücke noch so voll, daß es uns vorkommen will, dergleichen habe die wirkliche Welt uns
noch nie und niemals geboten.«
Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Objekt, dem jene geringschätzigen
Bemerkungen und diese begeisterte Anpreisung gilt? Haben die einen die blödsinnigen Träume,
die anderen die tiefsinnigen und feinsinnigen übersehen? Und wenn beiderlei vorkommt, Träume,
die solche und die jene Beurteilung verdienen, scheint es da nicht müßig, nach einer
psychologischen Charakteristik des Traumes zu suchen, genügt es nicht zu sagen, im Traume sei
alles möglich, von der tiefsten Herabsetzung des Seelenlebens bis zu einer im Wachen
ungewohnten Steigerung desselben? So bequem diese Lösung wäre, sie hat dies eine gegen sich,
daß den Bestrebungen aller Traumforscher die Voraussetzung zugrunde zu liegen scheint, es gäbe
eine solche in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige Charakteristik des Traumes, welche
über jene Widersprüche hinweghelfen müßte.
Es ist unstreitig, daß die psychischen Leistungen des Traumes bereitwilligere und wärmere
Anerkennung gefunden haben in jener, jetzt hinter uns liegenden, intellektuellen Periode, da die
Philosophie und nicht die exakten Naturwissenschaften die Geister beherrschte. Aussprüche, wie
die von Schubert (1814), daß der Traum eine Befreiung des Geistes von der Gewalt der äußeren
Natur sei, eine Loslösung der Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit, und ähnliche Urteile von
dem jüngeren Fichte (1864, Bd. 1)[16] u.
a., welche sämtlich den Traum als einen Aufschwung des
Seelenlebens zu einer höheren Stufe darstellen, erscheinen uns heute kaum begreiflich; sie
werden in der Gegenwart auch nur bei Mystikern und Frömmlern wiederholt[17]. Mit dem
Eindringen naturwissenschaftlicher Denkweise ist eine Reaktion in der Würdigung des Traumes
einhergegangen. Gerade die ärztlichen Autoren sind am ehesten geneigt, die psychische Tätigkeit
im Traume für geringfügig und wertlos anzuschlagen, während Philosophen und nicht zünftige
Beobachter – Amateurpsychologen –, deren Beiträge gerade auf diesem Gebiete nicht zu
vernachlässigen sind, im besseren Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an dem
psychischen Wert der Träume festgehalten haben. Wer zur Geringschätzung der psychischen
Leistung im Traume neigt, der bevorzugt begreiflicherweise in der Traumätiologie die
somatischen Reizquellen; für den, welcher der träumenden Seele den größeren Teil ihrer
Fähigkeiten im Wachen belassen hat, entfällt natürlich jedes Motiv, ihr nicht auch selbständige
Anregungen zum Träumen zuzugestehen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin