Seite - 420 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Unter den Überleistungen, welche man auch bei nüchterner Vergleichung versucht sein kann,
dem Traumleben zuzuschreiben, ist die des Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie
beweisenden, gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt. Ein anderer, von alten
Autoren häufig gepriesener Vorzug des Traumlebens, daß es sich souverän über Zeit- und
Ortsentfernungen hinwegzusetzen vermöge, ist mit Leichtigkeit als eine Illusion zu erkennen.
Dieser Vorzug ist, wie Hildebrandt (1875) bemerkt, eben ein illusorischer Vorzug; das Träumen
setzt sich über Zeit und Raum nicht anders hinweg als das wache Denken, und eben weil es nur
eine Form des Denkens ist. Der Traum sollte sich in bezug auf die Zeitlichkeit noch eines
anderen Vorzugs erfreuen, noch in anderem Sinne vom Ablauf der Zeit unabhängig sein. Träume,
wie der oben S. 52 f. mitgeteilte Maurys von seiner Hinrichtung durch die Guillotine, scheinen zu
beweisen, daß der Traum in eine sehr kurze Spanne Zeit weit mehr Wahrnehmungsinhalt zu
drängen vermag, als unsere psychische Tätigkeit im Wachen Denkinhalt bewältigen kann. Diese
Folgerung ist indes mit mannigfaltigen Argumenten bestritten worden; seit den Aufsätzen von Le
Lorrain (1894) und Egger (1895) »über die scheinbare Dauer der Träume« hat sich hierüber eine
interessante Diskussion angesponnen, welche in dieser heikeln und tiefreichenden Frage
wahrscheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat[18].
Daß der Traum die intellektuellen Arbeiten des Tages aufzunehmen und zu einem bei Tag nicht
erreichten Abschluß zu bringen vermag, daß er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und
Komponisten die Quelle neuer Eingebungen werden kann, scheint nach vielfachen Berichten und
nach der von Chabaneix (1897) angestellten Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch
nicht die Tatsache, so unterliegt doch deren Auffassung vielen, ans Prinzipielle streifenden
Zweifeln[19].
Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes ein Streitobjekt, an welchem
schwer überwindliche Bedenken mit hartnäckig wiederholten Versicherungen zusammentreffen.
Man vermeidet es – und wohl mit Recht –, alles Tatsächliche an diesem Thema abzuleugnen,
weil für eine Reihe von Fällen die Möglichkeit einer natürlichen psychologischen Erklärung
vielleicht nahe bevorsteht.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin