Seite - 421 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 421 -
Text der Seite - 421 -
F
Die ethischen Gefühle im Traume
Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen Untersuchungen über den Traum
verständlich werden können, habe ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das
Teilproblem abgesondert, ob und inwieweit die moralischen Dispositionen und Empfindungen
des Wachens sich ins Traumleben erstrecken. Der nämliche Widerspruch in der Darstellung der
Autoren, den wir für alle anderen seelischen Leistungen mit Befremden bemerken mußten, macht
uns auch hier betroffen. Die einen versichern mit ebensolcher Entschiedenheit, daß der Traum
von den sittlichen Anforderungen nichts weiß, wie die andern, daß die moralische Natur des
Menschen auch fürs Traumleben erhalten bleibt.
Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die Richtigkeit der ersteren
Behauptung über jeden Zweifel zu erheben. Jessen sagt (1855, 553): »Auch besser und
tugendhafter wird man nicht im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu
schweigen, indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten Verbrechen, Diebstahl, Mord
und Totschlag mit völliger Gleichgültigkeit und ohne nachfolgende Reue verüben kann.«
Radestock (1879, 146): »Es ist zu berücksichtigen, daß die Assoziationen im Traume ablaufen
und die Vorstellungen sich verbinden, ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack
und sittliches Urteil etwas dabei vermögen; das Urteil ist höchst schwach, und es herrscht
ethische Gleichgültigkeit vor.«
Volkelt (1875, 23): »Besonders zügellos aber geht es, wie jeder weiß, im Traume in
geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der Träumende selbst aufs äußerste schamlos und jedes
sittlichen Gefühls und Urteils verlustig ist, so sieht er auch alle anderen und selbst die
verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die er im Wachen auch nur in Gedanken mit ihnen
zusammenzubringen sich scheuen würde.«
Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äußerungen wie die von Schopenhauer, daß jeder im
Traum in vollster Gemäßheit seines Charakters handelt und redet. K. Ph. Fischer[20] behauptet,
daß die subjektiven Gefühle und Bestrebungen oder Affekte und Leidenschaften in der Willkür
des Traumlebens sich offenbaren, daß die moralischen Eigentümlichkeiten der Personen in ihren
Träumen sich spiegeln.
Harfner (1887, 251): »Seltene Ausnahmen abgerechnet, … wird ein tugendhafter Mensch auch
im Traum tugendhaft sein; er wird den Versuchungen widerstehen, dem Haß, dem Neid, dem
Zorn und allen Lastern sich verschließen; der Mann der Sünde aber wird auch in seinen Träumen
in der Regel die Bilder finden, die er im Wachen vor sich hatte.«
Scholz (1887, 36): »Im Traum ist Wahrheit, trotz aller Maskierung in Hoheit oder Erniedrigung
erkennen wir unser eigenes Selbst wieder … Der ehrliche Mann kann auch im Traume kein
entehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der Fall ist, so entsetzt er sich darüber, als
über etwas seiner Natur Fremdes. Der römische Kaiser, der einen seiner Untertanen hinrichten
ließ, weil diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser den Kopf abschlagen lassen, hatte darum so
unrecht nicht, wenn er dies damit rechtfertigte, daß, wer so träume, auch ähnliche Gedanken im
Wachen haben müsse. Von etwas, das in unserem Innern keinen Raum haben kann, sagen wir
deshalb auch bezeichnenderweise: Es fällt mir auch im Traum nicht ein.«
421
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin