Seite - 423 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Verantwortlichkeit für ihre Träume zu übernehmen. Haffner sagt (1887, 250): »Wir sind für
Träume nicht verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis entrückt ist, auf
welcher unser Leben allein Wahrheit und Wirklichkeit hat… Es kann eben darum kein
Traumwollen und Traumhandeln Tugend oder Sünde sein.« Doch ist der Mensch für den
sündhaften Traum verantwortlich, sofern er ihn indirekt verursacht. Es erwächst für ihn die
Pflicht, wie im Wachen, so ganz besonders vor dem Schlafengehen seine Seele sittlich zu
reinigen.
Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung und von Anerkennung der
Verantwortlichkeit für den sittlichen Inhalt der Träume bei Hildebrandt. Nachdem er ausgeführt,
daß die dramatische Darstellungsweise des Traumes, die Zusammendrängung der
kompliziertesten Überlegungsvorgänge in das kleinste Zeiträumchen, und die auch von ihm
zugestandene Entwertung und Vermengung der Vorstellungselemente im Traume gegen den
unsittlichen Anschein der Träume in Abzug gebracht werden muß, gesteht er, daß es doch den
ernstesten Bedenken unterliege, alle Verantwortung für Traumsünden und Schulden schlechthin
zu leugnen.
(Ibid., 49): »Wenn wir irgendeine ungerechte Anklage, namentlich eine solche, die sich auf
unsere Absichten und Gesinnungen bezieht, recht entschieden zurückweisen wollen, so
gebrauchen wir wohl die Redensart: Das sei uns nicht im Traume eingefallen. Damit sprechen
wir allerdings einerseits aus, daß wir das Traumgebiet für das fernste und letzte halten, auf
welchem wir für unsere Gedanken einzustehen hätten, weil dort diese Gedanken mit unserem
wirklichen Wesen nur so lose und locker zusammenhängen, daß sie kaum noch als die unsrigen
betrachtet werden dürfen; aber indem wir eben auch auf diesem Gebiete das Vorhandensein
solcher Gedanken ausdrücklich zu leugnen uns veranlaßt fühlen, so geben wir doch indirekt
damit zugleich zu, daß unsere Rechtfertigung nicht vollkommen sein würde, wenn sie nicht bis
dort hinüber reichte. Und ich glaube, wir reden hier, wenn auch unbewußt, die Sprache der
Wahrheit.«
(Ibid., 51 ff.): »Es läßt sich nämlich keine Traumtat denken, deren erstes Motiv nicht irgendwie
als Wunsch, Gelüste, Regung vorher durch die Seele des Wachenden gezogen wäre.« Von dieser
ersten Regung müsse man sagen: Der Traum erfand es nicht – er bildete es nur nach und spann’s
nur aus, er bearbeitete nur ein Quentlein historischen Stoffes, das er bei uns vorgefunden hatte, in
dramatischer Form; er setzte das Wort des Apostels in Szene: Wer seinen Bruder haßt, der ist ein
Totschläger. Und während man das ganze, breit ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traums
nach dem Erwachen, seiner sittlichen Stärke bewußt, belächeln kann, so will jener ursprüngliche
Bildungsstoff sich doch keine lächerliche Seite abgewinnen lassen. Man fühlt sich für die
Verirrungen des Träumenden verantwortlich, nicht für die ganze Summe, aber doch für einen
gewissen Prozentsatz. »Kurz, verstehen wir in diesem schwer anzufechtenden Sinne das Wort
Christi: Aus dem Herzen kommen arge Gedanken – dann können wir auch kaum der
Überzeugung uns erwehren, daß jede im Traum begangene Sünde ein dunkles Minimum
wenigstens von Schuld mit sich führe.«
In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als Versuchungsgedanken tagsüber durch
unsere Seelen ziehen, findet also Hildebrandt die Quelle für die Immoralität der Träume, und er
steht nicht an, diese immoralischen Elemente bei der sittlichen Wertschätzung der Persönlichkeit
einzurechnen. Es sind dieselben Gedanken und die nämliche Schätzung derselben, welche, wie
wir wissen, die Frommen und Heiligen zu allen Zeiten klagen ließ, sie seien arge Sünder[22].
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin