Seite - 425 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Wachen eine gewisse Macht innewohne, die zwar gehemmt ist, bis zur Tat vorzudringen, und daß
im Schlaf etwas wegfalle, was, gleichfalls wie eine Hemmung wirksam, uns gehindert habe, die
Existenz dieser Regung zu bemerken. Der Traum zeigte so das wirkliche, wenn auch nicht das
ganze Wesen des Menschen und gehörte zu den Mitteln, das verborgene Seeleninnere für unsere
Kenntnis zugänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen her kann Hildebrandt dem
Traum die Rolle eines Warners zuweisen, der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele
aufmerksam macht, wie er nach dem Zugeständnis der Ärzte auch bisher unbemerkte körperliche
Leiden dem Bewußtsein verkünden kann. Und auch Spitta kann von keiner anderen Auffassung
geleitet sein, wenn er auf die Erregungsquellen hinweist, die z. B. zur Zeit der Pubertät der
Psyche zufließen, und den Träumer tröstet, er habe alles getan, was in seinen Kräften steht, wenn
er im Wachen einen streng tugendhaften Lebenswandel geführt und sich bemüht, die sündigen
Gedanken, sooft sie kommen, zu unterdrücken, sie nicht reifen und zur Tat werden zu lassen.
Nach dieser Auffassung könnten wir die »ungewollten« Vorstellungen als die während des Tages
»unterdrückten« bezeichnen und müßten in ihrem Auftauchen ein echtes psychisches Phänomen
erblicken.
Nach anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer Folgerung. Für Jessen stellen die
ungewollten Vorstellungen im Traume wie im Wachen und in Fieber- und anderen Delirien »den
Charakter einer zur Ruhe gelegten Willenstätigkeit und eines gewissermaßen mechanischen
Prozesses von Bildern und Vorstellungen durch innere Bewegungen dar« (1855, 360). Ein
unmoralischer Traum beweise weiter nichts für das Seelenleben des Träumers, als daß dieser von
dem betreffenden Vorstellungsinhalt irgendwie einmal Kenntnis gewonnen habe, gewiß nicht
eine ihm eigene Seelenregung. Bei einem anderen Autor, Maury, könnte man in Zweifel geraten,
ob nicht auch er dem Traumzustand die Fähigkeit zuschreibt, die seelische Tätigkeit nach ihren
Komponenten zu zerlegen, anstatt sie planlos zu zerstören. Er sagt von den Träumen, in denen
man sich über die Schranken der Moralität hinaussetzt: »Ce sont nos penchants qui parlent et qui
nous font agir, sans que la conscience nous retienne, bien que parfois elle nous avertisse. J’ai
mes défauts et mes penchants vicieux; à l’état de veille, je tâche de lutter contre eux, et il
m’arrive assez souvent de n’y pas succomber. Mais dans mes songes j’y succombe toujours ou
pour mieux dire j’agis par leur impulsion, sans crainte et sans remords. … Evidemment les
visions qui se déroulent devant ma pensée et qui constituent le rêve, me sont suggérées par les
incitations que je ressens et que ma volonté absente ne cherche pas à refouler.« (1878,113.)
Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich vorhandene, aber unterdrückte
oder versteckte unmoralische Disposition des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser
Meinung schärferen Ausdruck nicht geben als mit den Worten Maurys (ibid., 165): »En rêve
l’homme se révèle donc tout entier à soi-même dans sa nudité et sa misère natives. Dès qu’il
suspend l’exercice de sa volonté, il devient le jouet de toutes les passions contre lesquelles, à
l’état de veille, la conscience, le sentiment de l’honneur, la crainte nous déjendent.« An anderer
Stelle findet er das treffende Wort (ibid., 462): »Dans le songe, c’est surtout l’homme instinetif
qui se révèle. … L’homme revient pour ainsi dire à l’état de nature quand il rêve; mais moins les
idées acquises ont pénétré dans son esprit, plus les penchants en désaccord avec elles conservent
encore sur lui l’influence dans le rêve.« Er führt dann als Beispiel an, daß seine Träume ihn nicht
selten als Opfer gerade jenes Aberglaubens zeigen, den er in seinen Schriften am heftigsten
bekämpft hat.
Der Wert all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine psychologische Erkenntnis des
Traumlebens wird aber bei Maury dadurch beeinträchtigt, daß er in den von ihm so richtig
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin