Seite - 428 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Traumerklärung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die herrschende Theorie des Traumes
bezeichnen. Es ist hervorzuheben, mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste
Klippe jeder Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einem der durch den Traum verkörperten
Gegensätze, vermeidet. Da ihr der Traum das Ergebnis eines partiellen Wachens ist (»ein
allmähliches, partielles und zugleich sehr anomalisches Wachen«, sagt Herbarts Psychologie über
den Traum), so kann sie durch eine Reihe von Zuständen von immer weitergehender Erweckung
bis zur vollen Wachheit die ganze Reihe von der Minderleistung des Traums, die sich durch
Absurdität verrät, bis zur voll konzentrierten Denkleistung decken.
Wem die physiologische Darstellungsweise unentbehrlich geworden ist oder wissenschaftlicher
dünkt, der wird diese Theorie des Traums in der Schilderung von Binz ausgedrückt finden (1878,
43):
»Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen Morgenstunden nur allmählich seinem
Ende entgegen. Immer geringer werden die in dem Gehirneiweiß aufgehäuften Ermüdungsstoffe,
und immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem rastlos treibenden Blutstrom fortgespült.
Da und dort leuchten schon einzelne Zellenhaufen wach geworden hervor, während ringsumher
noch alles in Erstarrung ruht. Es tritt nun die isolierte Arbeit der Einzelgruppen vor unser
umnebeltes Bewußtsein, und zu ihr fehlt die Kontrolle anderer, der Assoziation vorstehender
Gehirnteile. Darum fügen die geschaffenen Bilder, welche meist den materiellen Eindrücken
nahe liegender Vergangenheit entsprechen, sich wild und regellos aneinander. Immer größer wird
die Zahl der frei werdenden Gehirnzellen, immer geringer die Unvernunft des Traumes.«
Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollständigen, partiellen Wachens, oder
Spuren von ihrem Einflusse, sicherlich bei allen modernen Physiologen und Philosophen finden.
Am ausführlichsten ist sie bei Maury dargestellt. Dort hat es oft den Anschein, als stellte sich der
Autor das Wachsein oder Eingeschlafensein nach anatomischen Regionen verschiebbar vor,
wobei ihm allerdings eine anatomische Provinz und eine bestimmte psychische Funktion
aneinander gebunden erscheinen. Ich möchte hier aber nur andeuten, daß, wenn die Theorie des
partiellen Wachens sich bestätigte, über den feineren Ausbau derselben sehr viel zu verhandeln
wäre.
Eine Funktion des Traumes kann sich bei dieser Auffassung des Traumlebens natürlich nicht
herausstellen. Vielmehr wird das Urteil über die Stellung und Bedeutung des Traumes
konsequenterweise durch die Äußerung von Binz gegeben (1878, 35): »Alle Tatsachen, wie wir
sehen, drängen dahin, den Traum als einen körperlichen, in allen Fällen unnützen, in vielen
Fällen geradezu krankhaften Vorgang zu kennzeichnen …«
Der Ausdruck »körperlich« mit Beziehung auf den Traum, der seine Hervorhebung dem Autor
selbst verdankt, weist wohl nach mehr als einer Richtung. Er bezieht sich zunächst auf die
Traumätiologie, die ja Binz besonders nahelag, wenn er die experimentelle Erzeugung von
Träumen durch Darreichung von Giften studierte. Es liegt nämlich im Zusammenhange dieser
Art von Traumtheorien, die Anregung zum Träumen womöglich ausschließlich von somatischer
Seite ausgehen zu lassen. In extremster Form dargestellt, lautete es so: Nachdem wir durch
Entfernung der Reize uns in Schlaf versetzt haben, wäre zum Träumen kein Bedürfnis und kein
Anlaß bis zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen durch die neu anlangenden Reize sich in
dem Phänomen des Träumens spiegeln könnte. Nun gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu
halten; es kommen, ähnlich wie Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von überall her Reize an
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin