Seite - 430 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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jenen beiden Eigentümlichkeiten des Traummaterials, daß während des Schlafes eine solche
Ausstoßung von wertlosen Eindrücken irgendwie als somatischer Vorgang vollzogen werde und
das Träumen sei kein besonderer psychischer Prozeß, sondern nur die Kunde, die wir von jener
Aussonderung erhalten. Übrigens ist eine Ausscheidung nicht das einzige, was nachts in der
Seele vorgeht. Robert fügt selbst hinzu, daß überdies die Anregungen des Tages ausgearbeitet
werden, und »was sich von dem unverdaut im Geiste liegenden Gedankenstoff nicht ausscheiden
läßt, wird durch der Phantasie entlehnte Gedankenfäden zu einem abgerundeten Ganzen
verbunden und so dem Gedächtnisse als unschädliches Phantasiegemälde eingereiht«. (Ibid., 23.)
In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die Roberts aber in der Beurteilung
der Traumquellen. Während dort überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren und
inneren Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb zum Träumen nach
der Theorie Roberts in der Seele selbst, in ihrer Überladung, die nach Entlastung verlangt, und
Robert urteilt vollkommen konsequent, daß die im körperlichen Befinden liegenden
traumbedingenden Ursachen einen untergeordneten Raum einnehmen und einen Geist, in dem
kein dem wachen Bewußtsein entnommener Stoff zur Traumbildung wäre, keinesfalls zum
Träumen veranlassen könnten. Zugegeben sei bloß, daß die im Traume aus den Tiefen der Seele
heraus sich entwickelnden Phantasiebilder durch die Nervenreize beeinflußt werden können.
(Ibid., 48.) So ist der Traum nach Robert doch nicht so ganz abhängig vom Somatischen, er ist
zwar kein psychischer Vorgang, hat keine Stelle unter den psychischen Vorgängen des Wachens,
er ist ein allnächtlicher somatischer Vorgang am Apparat der Seelentätigkeit und hat eine
Funktion zu erfüllen, diesen Apparat vor Überspannung zu behüten, oder wenn man das
Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten.
Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Auswahl des Traummaterials deutlich
werden, stützt ein anderer Autor, Yves Delage, seine eigene Theorie, und es ist lehrreich zu
beobachten, wie durch eine leise Wendung in der Auffassung derselben Dinge ein Endergebnis
von ganz anderer Tragweite gewonnen wird.
Delage (1891) hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm teure Person durch den Tod verloren, die
Erfahrung gemacht, daß man von dem nicht träumt, was einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat,
oder erst dann, wenn es anderen Interessen tagsüber zu weichen beginnt. Seine Nachforschungen
bei anderen Personen bestätigten ihm die Allgemeinheit dieses Sachverhalts. Eine schöne
Bemerkung dieser Art, wenn sie sich als allgemein richtig herausstellte, macht Delage über das
Träumen junger Eheleute: »S’ils ont été fortement épris, presque jamais ils n’ont rêvé l’un de
l’autre avant le mariage ou pendant la lune de miel; et s’ils ont rêvé d’amour c’est pour être
infidèles avec quelque personne indifférente ou odieuse.« Wovon träumt man nun aber? Delage
erkennt das in unseren Träumen vorkommende Material als bestehend aus Bruchstücken und
Resten von Eindrücken der letzten Tage und früherer Zeiten. Alles, was in unseren Träumen
auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als Schöpfung des Traumlebens anzusehen, erweist
sich bei genauerer Prüfung als unerkannte Reproduktion, als »Souvenir inconscient«. Aber dieses
Vorstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter, es rührt von Eindrücken her, die unsere
Sinne wahrscheinlich stärker betroffen haben als unseren Geist oder von denen die
Aufmerksamkeit sehr bald nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde. Je weniger bewußt
und dabei je stärker ein Eindruck gewesen ist, desto mehr Aussicht hat er, im nächsten Traum
eine Rolle zu spielen. Es sind im wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Eindrücken, die
nebensächlichen und die unerledigten, wie sie Robert hervorhebt, aber Delage wendet den
Zusammenhang anders, indem er meint, diese Eindrücke werden nicht, weil sie gleichgültig sind,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin