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traumfähig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch die nebensächlichen Eindrücke sind
gewissermaßen nicht voll erledigt worden, auch sie sind ihrer Natur nach als neue Eindrücke
»autant de ressorts tendus«, die sich während des Schlafes entspannen werden. Noch mehr
Anrecht auf eine Rolle im Traum als der schwache und fast unbeachtete Eindruck wird ein
starker Eindruck haben, der zufällig in seiner Verarbeitung aufgehalten wurde oder mit Absicht
zurückgedrängt worden ist. Die tagsüber durch Hemmung und Unterdrückung aufgespeicherte
psychische Energie wird nachts die Triebfeder des Traums. Im Traum kommt das psychisch
Unterdrückte zum Vorschein.[23]
Leider bricht der Gedankengang von Delage an dieser Stelle ab; er kann einer selbständigen
psychischen Tätigkeit im Traum nur die geringste Rolle einräumen, und so schließt er sich mit
seiner Traumtheorie unvermittelt wieder an die herrschende Lehre vom partiellen Schlafen des
Gehirns an: »En somme le rêve est le produit de la pensée errante, sans but et sans direction, se
fixant successivement sur les souvenirs, qui ont gardé assez d’intensité pour se placer sur sa
route et l’arrêter au passage, établissant entre eux un lieu tantôt faible et indécis, tantôt plus fort
et plus serré, selon que l’activité actuelle du cerveau est plus ou moins abolie par le sommeil.«
3) Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes vereinigen, welche der
träumenden Seele die Fähigkeit und Neigung zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben,
die sie im Wachen entweder gar nicht oder nur in unvollkommener Weise ausführen kann. Aus
der Betätigung dieser Fähigkeiten ergibt sich zumeist eine nützliche Funktion des Traumes. Die
Wertschätzungen, welche der Traum bei älteren psychologischen Autoren gefunden hat, gehören
meist in diese Reihe. Ich will mich aber damit begnügen, an deren Statt die Äußerung von
Burdach anzuführen, derzufolge der Traum »die Naturtätigkeit der Seele ist, welche nicht durch
die Macht der Individualität beschränkt, nicht durch Selbstbewußtsein gestört, nicht durch
Selbstbestimmung gerichtet wird, sondern die in freiem Spiele sich ergehende Lebendigkeit der
sensibeln Zentralpunkte ist« (1838, 512).
Dieses Schwelgen im freien Gebrauch der eigenen Kräfte stellen sich Burdach u. a. offenbar als
einen Zustand vor, in welchem die Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit
sammelt, also etwa nach Art eines Ferienurlaubs. Burdach zitiert und akzeptiert darum auch die
liebenswürdigen Worte, in denen der Dichter Novalis das Walten des Traumes preist: »Der
Traum ist eine Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens, eine freie
Erholung der gebundenen Phantasie, wo sie alle Bilder des Lebens durcheinanderwirft und die
beständige Ernsthaftigkeit des erwachsenen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel
unterbricht; ohne die Träume würden wir gewiß früher alt, und so kann man den Traum, wenn
auch nicht als unmittelbar von oben gegeben, doch als eine köstliche Aufgabe, als einen
freundlichen Begleiter auf der Wallfahrt zum Grabe betrachten.«
Die erfrischende und heilende Tätigkeit des Traumes schildert noch eindringlicher Purkinje
(1846, 456): »Besonders würden die produktiven Träume diese Funktionen vermitteln. Es sind
leichte Spiele der Imagination, die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zusammenhang haben.
Die Seele will die Spannungen des wachen Lebens nicht fortsetzen, sondern sie auflösen, sich
von ihnen erholen. Sie erzeugt zuvörderst denen des Wachens entgegengesetzte Zustände. Sie
heilt Traurigkeit durch Freude, Sorgen durch Hoffnungen und heitere zerstreuende Bilder, Haß
durch Liebe und Freundlichkeit, Furcht durch Mut und Zuversicht; den Zweifel beschwichtigt sie
durch Überzeugung und festen Glauben, vergebliche Erwartung durch Erfüllung. Viele wunde
Stellen des Gemütes, die der Tag immerwährend offen erhalten würde, heilt der Schlaf, indem er
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin