Seite - 434 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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verständlich für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung für das ahnungsvolle Erfassen
philosophischer Begriffsschemen vorbereitet ist.
Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der symbolisierenden Phantasie Scherners in den
Träumen nicht verbunden. Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man
könnte auf die Vermutung kommen, daß sie unartig spielt. Man könnte aber auch an uns die
Frage richten, ob unsere eingehende Beschäftigung mit der Schernerschen Theorie des Traumes
zu irgendetwas Nützlichem führen kann, deren Willkürlichkeit und Losgebundenheit von den
Regeln aller Forschung doch allzu augenfällig scheint. Da wäre es denn am Platze, gegen eine
Verwerfung der Lehre Scherners vor aller Prüfung als allzu hochmütig ein Veto einzulegen.
Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf, den jemand von seinen Träumen empfing, der ihnen
große Aufmerksamkeit schenkte und der persönlich sehr wohl veranlagt scheint, dunkeln
seelischen Dingen nachzuspüren. Sie handelt ferner von einem Gegenstand, der den Menschen
durch Jahrtausende rätselhaft wohl, aber zugleich inhalts- und beziehungsreich erschienen ist und
zu dessen Erhellung die gestrenge Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nicht viel anderes
beigetragen hat, als daß sie im vollen Gegensatz zur populären Empfindung dem Objekte Inhalt
und Bedeutsamkeit abzusprechen versuchte. Endlich wollen wir uns ehrlich sagen, daß es den
Anschein hat, wir könnten bei den Versuchen, den Traum aufzuklären, der Phantastik nicht leicht
entgehen. Es gibt auch Ganglienzellenphantastik; die S. 98
f. zitierte Stelle eines nüchternen und
exakten Forschers wie Binz, welche schildert, wie die Aurora des Erwachens über die
eingeschlafenen Zellhaufen der Hirnrinde hinzieht, steht an Phantastik und an –
Unwahrscheinlichkeit hinter den Schernerschen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe
zeigen zu können, daß hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das allerdings nur
verschwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter der Allgemeinheit besitzt, auf den
eine Theorie des Traumes Anspruch erheben kann. Vorläufig kann uns die Schernersche Theorie
des Traumes in ihrem Gegensatz zur medizinischen etwa vor Augen führen, zwischen welchen
Extremen die Erklärung des Traumlebens heute noch unsicher schwankt.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin